Auch wenn das Tête-à-tête des Belcanto-Paares Gheorghiu-Alagna, das bekanntlich auch im sogenannten wirklichen Leben ein solches darstellt, inzwischen etliche Cover-Fotos der EMI ziert: Mit Puccinis Commedia lirica “La Rondine” (“Die Schwalbe”) leistet sich das Abbey Road Studio ein seltsames Unikum. Puccinis einziger (österreichisch-italienischer) Operettenversuch geriet nach der glanzvollen Uraufführung von 1917 bald in Vergessenheit. Das lag und liegt (vermutlich weiterhin) am einfallslosen, um nicht zu sagen einfältigen Libretto Giuseppe Adamis (nach der Vorlage der Wiener Operettenschreiber Willner & Reichert - bekannt vor allem durch das herrlich dämliche “Dreimäderlhaus”).
Statt einer Handlung warten drei Akte zunächst mit einem einstündigen Schwärmen respektive Kichern über romantische Liebe auf, sodann mit einem Ball-Geplapper alkoholisierter Studenten samt Dämchen und schließlich mit dem betrüblichen (!) Ende jener Liebe, die nicht sein darf, weil sie nicht sein kann: Magda, die Angebetete, hat eine “Vergangenheit” (als Mätresse), und so kann die Schwalbe nicht in das ersehnte neue gutbürgerliche Ehe-Heim, sondern nur wieder zurück in ihren Pariser Salon fliegen.
Aus diesem Sujet-Verschnitt von “La Traviata”, “Fledermaus” und Lehár-Operetten machten Puccini ebenso wie die Protagonisten dieser Aufnahme das Bestmögliche. So findet sich denn vieles, was das Verismo-Herz begehrt an Arien, Kantilenen und schmachtender Amore, an süffigem, zwischen Western-Klischee und Chinoiserie angesiedeltem Orchestersatz. In erster Linie versöhnen Angela Gheorghius Belcanto-Künste, vor allem ihre glockenhellen, lupenreinen Einsätze mit dem antidramaturgischen Libretto. Da vermag ihr Gatte nicht mitzuhalten, meint man doch manche rauhe Höhenanstrengung zu vernehmen (wogegen die zusätzlich eingespielte klavierbegleitete Arie “Morire” gerade Alagnas in der Operette vermissten lyrischen Klangfarben zeigt). Höchst angenehm in ihren schlanken, unprätentiösen Sopran/Tenor-Registern präsentieren sich Inva Mula als Zofe Lisette und William Matteuzzi als dichtender Charmeur und Dandy - das zweite Paar dieser missglückten Operette.
Antonio Pappano entlockt dem LSO den nötigen Schmelz, darf aber allenfalls in der lebhafteren Ball-Szenerie sowie dem ebenfalls eingespielten Viertelstundenauszug aus Puccinis Erstling “Le Villi” (mit Schwarzwald-Sujet!) zeigen, was er an Temperament und Präzision der Ensemblearbeit zu bieten hat.

Christoph Braun, 30.04.1997



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