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Gardenias For Lady Day

James Carter

Sony 514879 6
(46 Min., 2003) 1 CD

Von den jungen Löwen, die die Jazz-Zoologen Anfang der Neunziger entdeckten, war James Carter sicherlich der ungewöhnlichste. Unbekümmert streifte er durch die Reviere des Neo-Traditionalismus und der Avantgarde und ließ sich von Markierungen nicht sonderlich beeindrucken. Und so kam es, dass sowohl Lester Bowie als auch Wynton Marsalis, die befeindeten Rudelführer der letzten großen Jazz-Kontroverse, ihn in ihre Jagdgemeinschaft aufnahmen. Von ideologischen Festlegungen hält Carter nach wie vor nichts. Befassten sich seine letzten, vor drei Jahren parallel veröffentlichten Aufnahmen mit so unterschiedlichen Dingen wie Elektro-Funk und Django Reinhardt, hat er sich nun Billie Holiday vorgenommen.
Ein gewagter Sprung. Weil er zunächst überraschend erzkonservativ daherkommt. "Gardenias for Lady Day" beginnt ganz handzahm, mit schluchzenden Geigen, feinjustierter Rhythmusgruppe und einem an Lester Young geschulten Tenor-Saxofon: Carter, der Schmusekater. Er stellt im Folgenden erstaunliche Dinge mit diversen Holzblas-Instrumenten an, liefert sich hübsche Overdub-Gefechte mit Sopran, Bariton und Kontrabass-Klarinette. Doch irgendwie will das alles nicht recht in Fahrt kommen. Weil jeder räusprige Growl-Effekt, jeder heisere Falsettschrei von den Streichern feuchte Wadenwickel angelegt bekommt. Dann aber, genau in der Platten-Mitte, kommt nach dem betulichen Abtasten der Knalleffekt. "Strange Fruit", Holidays ehemals bedrückend stille Lynch-Ballade, gerät Carter zu einem apokalyptischen Klang-Inferno. Zusammen mit der Sängerin Miche Braden, dräuenden Strings und explodierendem Jazz-Quartett verwandelt er das Leidenslied in eine brutal-bruitistische Anklage. Der schmerzliche Höhepunkt eines Albums, das einen ansonsten seltsam kalt lässt.

Josef Engels, 06.03.2004



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