home

N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



Responsive image

Gardenias For Lady Day

James Carter

Sony 514879 6
(46 Min., 2003) 1 CD

Von den jungen Löwen, die die Jazz-Zoologen Anfang der Neunziger entdeckten, war James Carter sicherlich der ungewöhnlichste. Unbekümmert streifte er durch die Reviere des Neo-Traditionalismus und der Avantgarde und ließ sich von Markierungen nicht sonderlich beeindrucken. Und so kam es, dass sowohl Lester Bowie als auch Wynton Marsalis, die befeindeten Rudelführer der letzten großen Jazz-Kontroverse, ihn in ihre Jagdgemeinschaft aufnahmen. Von ideologischen Festlegungen hält Carter nach wie vor nichts. Befassten sich seine letzten, vor drei Jahren parallel veröffentlichten Aufnahmen mit so unterschiedlichen Dingen wie Elektro-Funk und Django Reinhardt, hat er sich nun Billie Holiday vorgenommen.
Ein gewagter Sprung. Weil er zunächst überraschend erzkonservativ daherkommt. "Gardenias for Lady Day" beginnt ganz handzahm, mit schluchzenden Geigen, feinjustierter Rhythmusgruppe und einem an Lester Young geschulten Tenor-Saxofon: Carter, der Schmusekater. Er stellt im Folgenden erstaunliche Dinge mit diversen Holzblas-Instrumenten an, liefert sich hübsche Overdub-Gefechte mit Sopran, Bariton und Kontrabass-Klarinette. Doch irgendwie will das alles nicht recht in Fahrt kommen. Weil jeder räusprige Growl-Effekt, jeder heisere Falsettschrei von den Streichern feuchte Wadenwickel angelegt bekommt. Dann aber, genau in der Platten-Mitte, kommt nach dem betulichen Abtasten der Knalleffekt. "Strange Fruit", Holidays ehemals bedrückend stille Lynch-Ballade, gerät Carter zu einem apokalyptischen Klang-Inferno. Zusammen mit der Sängerin Miche Braden, dräuenden Strings und explodierendem Jazz-Quartett verwandelt er das Leidenslied in eine brutal-bruitistische Anklage. Der schmerzliche Höhepunkt eines Albums, das einen ansonsten seltsam kalt lässt.

Josef Engels, 06.03.2004



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Zum Warmwerden: Von Tenören, die gerne auf der Rasierklinge zwischen Kunst und Kommerz reiten, ist es ja bekannt. Das aber auch Instrumentalisten „ihr“ Weihnachtsalbum aufnehmen, hat Seltenheitswert. Zumal, wenn es auch noch so glückt wie im Fall des Harfenisten Xavier de Maistre. Der verbindet gleich mehrere Programmideen. So ist dieses Album nämlich nicht nur Begleitmusik fürs Weihnachtszimmer, sondern auch eine Verneigung vor einem großen Kollegen unter den Konzertharfenisten, […] mehr


Abo

Top