Dies ist mit Abstand die beste "Tosca", die ich kenne. Der Dirigent Oliviero de Fabritiis führt uns in ein Kolorit von unsagbarer Schönheit: Man riecht noch einmal ins 19. Jahrhundert, in die Belle Époque mit ihrer Grandeur und Endzeit-Fragilität. Den einzelnen Tönen verleiht er klare und kühne Farben. Die schnell wechselnden Stimmungsbilder sind wundervolle Miniaturen, unendlich interessante Teile eines Ganzen.
Zudem sind Fabritiis Tempi denkbar richtig - eine Sache, die sich vielleicht am schwersten lernen lässt und die diese "Tosca" am meisten von allen anderen unterscheidet. Man hat den Eindruck von Gedrängtheit und Fülle - auch aufgrund der nicht abbrechenden Spannung, der großen Bögen, so dass sich die ganze entrückte Poesie Puccinis entfaltet und der Realismus der Handlung nur noch als artistische Folie erscheint.
Die Fähigkeit zu großer dynamischer wie klanglicher Differenzierung zeichnet die beiden Hauptdarsteller aus. Benjamino Gigli und Maria Caniglia haben in den dreißiger und vierziger Jahren eine ganze Reihe von Opern zusammen aufgenommen: Caniglias Tosca ist herrlich hysterisch mit einer eher dunkel-schweren Stimme. Giglis Mario fasziniert durch die anmutige Leidenschaftlichkeit seines hellen und extrem beweglichen Tenors. Diese Gegensätzlichkeit produziert einen fast surrealistischen Effekt. Die Verbindung von so hochentwickelten Individualstilen ist heute kaum noch denkbar: Man zieht sich aus Ängstlichkeit auf einen korrekten Minimalismus zurück oder macht die Geschmacklosigkeit von vornherein zur Maxime.
Hörenswert ist weiterhin das komödiantische Vermögen Giglis, Guilio Tomeis (Mesner) und Armando Borgiolis (Scarpia). Selbst die Hysterie Caniglias verdankt sich diesem alten Schauspielerbewusstsein der absoluten Künstlichkeit der Darstellung.
Im Anhang befinden sich Auszüge einer weiteren Tosca-Aufnahme von 1931 in französischer Sprache. Der Klang dieser Neu-Restaurationen ist transparent, ausgewogen und rauscharm.

Cornelia Wieschalla, 25.04.2002



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