Der Titel „Fairest Isle“ suggeriert ein buntes Sträußlein britischer Folklore, doch weit gefehlt - es handelt sich um ein Album hochartifizieller Lieder von Komponisten der Renaissance bis zum Barock, also William Byrd bis Henry Purcell, zur Begleitung der Laute, eines Gamben-Quartetts oder des Kammerorchesters (Purcell). Der Tonfall der Lamentatio überwiegt, aber selbst der große Melancholicus John Dowland, dessen „Lachrymae“ den Kurs angeben, darf zwischenzeitlich etwas kecker auftreten („Away with these self-loving lads“).
      Die Mitwirkung Christopher Hogwoods und seiner Academy steht für philologische Strenge, die der amerikanischen Sopranistin Barbara Bonney für Vitalität und Theatralik - mitunter ein kleines bisschen zu viel davon. Ms. Bonney gestaltet manch fragiles Textgewebe doch etwas zu bühnennah, ihr eigentlich schlanker, biegsamer, nuancierter Sopran erscheint für diese Lieder - sie wurden damals von Knaben vor dem Stimmbruch gesungen - manches Mal zu cremig-rund und „gesund“.
      Das allerdings soll lediglich eine kritische Fußnote sein, denn aus Barbara Bonneys Vortrag spricht ein höchst erquicklicher Kunstverstand. Abstrichlos glänzend gelangen denn auch die hochtheatralischen Werke Purcells - das berühmte Shakespeare-Lied „If music be the food of love“ und die zwei Airs aus der Masque „Abdelazer“. Auch das titelgebende Werk entstammt einem Bühnenstück, der Semi-Oper „King Arthur“ - und die „Schönste Insel“ setzt Großbritannien gleich mit Kythera, der Insel der Seligen. Die Engländer waren eben schon immer Patrioten.

Thomas Rübenacker, 31.10.1998



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

13 Sekunden! Keine Sekunde mehr oder weniger erfreut sich der Hörer an Ludwig van Beethovens Bagatelle op. 119 Nr. 10. Und diese Episode deutet schon auf das entscheidende Schlagwort der neuen Beethoven-CD von Kilian Herold (Klarinette), Peter-Philipp Staemmler (Violoncello) und Hansjacob Staemmler (Klavier) hin, das da lautet: Kurzweiligkeit. „Composing Beethoven“ präsentiert freilich keine Stangenware, sondern ein klug konzipiertes Album, das originale Werke des Geburtstagskindes mit […] mehr »


Top