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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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Sergei Rachmaninow

Sinfonie Nr. 1, Die Toteninsel

Russisches Nationalorchester, Mikhail Pletnev

Deutsche Grammophon 0 28946 30752 6
(64 Min., 6/1999) 1 CD

Eine Schwarzweißabbildung von Böcklins Gemälde „Die Toteninsel“ inspirierte Rachmaninow zu seiner Tondichtung, die für mich die Königswürde des depressivsten Musikstücks aller Zeiten innehat. In wiegendem Fünfachteltakt werden wir übergesetzt, bis sich die vorher nur fetzenweise hinübergetragenen Motive in einer glühenden Vision verdichten, bevor wir mit dem Wiegen der Dies-Irae-Sequenz die Insel wieder verlassen und die Komposition sich gleichsam auflöst.
Dieser Bogen von der unfassbaren Konturlosigkeit des Meeres zur Festigkeit und erneuten Verflüchtigung ist interpretatorisch schwerer zu spannen, als es scheint. Das Stück ist zugleich durchaus erzählend und ebenso abstrakt wie flüchtig. Für mein Gefühl entscheidet sich der dirigierende Meisterpianist Michail Pletnjew allzu früh für die plastisch schildernde Seite und legt in die Gebilde des noch Ungewordenen bereits ein wenig zuviel Nachdruck, zuviel Ahnung kommenden dramatischen Geschehens. Jeder dieser an Ruderbewegungen erinnernden 5/8-Takter des Beginns wird ein wenig mit Energie aufgeladen. Kein leeres Wiegen, sondern ein durchaus zielgerichtetes. Rascher als in anderen Versionen wird bei den dissonant hineinfahrenden Bläser- und Violineinwürfen ein Grad der Erregung erreicht, der dem erst zarten, dann ungeheuer ekstatischen Erinnerungsthema in Dur etwas die Wirkung entzieht. Auch klingt an den Höhepunkten das Russische Nationalorchester zu breiig und konturlos.
Der emotionale Überdruck, das relativ rasche Zeitmaß des Eingangs-Lentos in dieser Deutung nimmt der auskomponierten Trostlosigkeit der Tondichtung ein wenig vom Gestus der Leere, des Grau in Grau. Immerhin äußerte Rachmaninow später, das farbige Original habe ihn enttäuscht. Das sollte zu denken geben.

Matthias Kornemann, 10.08.2000



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