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Johann Sebastian Bach

Das Wohltemperierte Klavier (Band 1)

Edwin Fischer

Naxos 6 36943 16512 6
(107 Min., 00/1934) 2 CDs

Edwin Fischers Einspielung aller 48 Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers, die erste Gesamtaufnahme überhaupt, ist ein Meilenstein der Schallplattengeschichte. Doch solche Legenden sind, auch wenn sie längst auf CD erhältlich sind, von einem Kranz von Vorurteilen umgeben. Heillos romantisch sei dieses Spiel, zu warnen sei vor Fischers Eingriffen in den Text. Glenn Goulds Bach-Vermächtnis gilt nicht wenigen als offenbarte höhere Wahrheit. Die Würdigung älterer Entwürfe ist geradezu ideologischer Diffamierung ausgesetzt. Ich finde, gelegentliche, die Verbreiterungen monumentalisierende Stimmverdoppelungen sind keine Sünden, die Bachs ewigen Frieden stören würden.
Wie wunderschön der Flügel unter Fischers Händen singt, hat sein Schüler Alfred Brendel beschrieben: "Hauptmedium des Ausdrucks war der herrlich gesättigte, schwebende Klavierklang, der auch auf den Höhepunkten elementarer Entladung stets sein Rundheit bewahrte und noch im unerhörtesten Pianisssimo sangbar und tragend blieb." Das Überraschende bei Fischers Bach ist die grüblerische Strenge, die Phrasierungs-Kargheit, in der sich dieser herrliche Klang entfaltet. Fischer erlaubt sich keinerlei dynamische Vergröberung, keinerlei Tempo-Eigenwilligkeit. In der fünfstimmigen cis-Moll-Fuge zum Beispiel sind die Kontraste so subtil, geschieht auf engem Raume pianistisch so ungeheuer viel, dass Gould daneben grob agiert.
Gould hat zwar mit seinem Non-Legato-Trommeln, dem wesentlich geschwinderen Tempo und seiner robust nivellierten Dynamik hier einen scheinbar einheitlichen Stil etabliert, der zwingt ihm aber ein forcierteres Unterstreichen der Formabläufe auf. Wie ein Oberlehrer wird auf das zweite Thema gewiesen, dessen Achtelgang er hinaustrommelt, dass auch ein gerade Entschlafener wieder wach wird. Fischer aber lehrt uns, alle Aufmerksamkeit anzuspannen, um den zart hingehauchten Eintritt des Themas zu erleben.
Und während Gould die Schlusstakte rustikal festklopft, entwirft Fischer nach der Verbeiterung ein geradezu mystisches Abtauchen ins Pianissimo - die Fuge endet nicht monumental, sie verflüchtigt sich. Fischers Sprache ist leise und zugleich unendlich modulationsreich. Selbst jene, die diesen Weg zu Bach nicht mögen, werden solche Kunst würdigen müssen.

Matthias Kornemann, 01.12.1999



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