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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Franz Schubert

Schwanengesang, Vier Lieder

Christian Gerhaher, Gerold Huber

Arte Nova/BMG 74321 75075 2
(71 Min., 11/1999) 1 CD

Im Gegensatz zu den Zyklen "Die Schöne Müllerin" und "Winterreise" ist der "Schwanengesang" keine vom Schubert selbst konzipierte Liedfolge, sondern wurde postum von seinem Verleger Tobias Haslinger zu einem Opus verbunden. Interessant ist die stilistische Verschiedenheit dieser späten Lieder: Die Rellstab-Gedichte und Seidls "Taubenpost" regten Schubert dazu an, noch einmal ein Höchstmaß an schmelzender Zärtlichkeit auf das Papier zu bringen, während die Heine-Lieder mit Ausnahme des "Fischermädchens" ein Maximum an dramatischer Spannung auf der Basis abgrundtiefer Verzweiflung erreichen, und dies teilweise mit einer geradezu ungeheuerlichen Sparsamkeit der Mittel.
Der Bariton Christian Gerhaher und sein Klavierbegleiter Gerold Huber nähern sich der schwierigen Liederfolge mit der selbstbewussten Sicherheit eines eingespielten Teams. Gerhaher verfügt über eine kraftvoll-kernige, in der hohen wie in der tiefen Lage gleichermaßen opulente Stimme. Die Vorteile eines solchen Organs werden vor allem in dem äußerst fordernden "Atlas" und oder im Ausbruch des "Doppelgängers" hörbar. Hier kann Gerhaher aus dem Vollem schöpfen.
Anders verhält es sich allerdings bei leisen Stellen. Gerhaher kehrt die Maxime Dietrich Fischer-Dieskaus, ein Forte sei nur ein großes Piano, ins Gegenteil um. Gerhaher zerschneidet viele Linien durch eine voreilige Flucht in die Konsonanten, und die Gesangslinie wirkt bei ihm oft hölzern und zerstückelt.
Außer dem "Schwanengesang" enthält die CD vier einzelne Lieder aus unterschiedlichen Schaffensphasen Schuberts. Interpretatorisch die größte Überraschung ist "Totengräbers Heimwehe": Alles, was an Christian Gerhahers Vortrag im "Schwanengesang" misslingt, gelingt in diesem Lied - leider zum ersten und letzten Mal auf der CD.
Die deutlichen Grenzen von Christian Gerhahers Gesangskünsten überraschen angesichts seiner reichen Möglichkeiten. Es scheint, als ob der Bariton seine Interpretation einer falschen Vorstellung vom Zusammenspiel der Lyrik und der Melodik unterordnet, denn viele Momente der CD beweisen, dass er den ganzen Farbenreichtum seiner Stimme sehr wohl zu kontrollieren weiß und zur Freude des Hörers einzusetzen vermag.

Michael Wersin, 25.05.2000



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