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Johann Sebastian Bach, Alessandro Scarlatti, Francesco Durante

Psalm 51 "Tilge, Höchster, meine Sünden" BWV 1083 nach dem Stabat Mater von Pergolesi, Concerto grosso f-Moll, Concerto für Streicher g-Moll

Maya Boog, Michael Chance, Balthasar-Neumann-Ensemble, Thomas Hengelbrock

DHM/BMG 0 54727 75082 3
(59 Min., 12/1998) 1 CD

Endlich! Endlich bietet sich die Möglichkeit, der alten Perücke eins auszuwischen - auch und gerade im Jubeltrubel, den man dem Größten aller Großen in diesem Jahr angedeihen ließ. Natürlich: Auch dieses Werk ist genial wie alle anderen 1100 und die Art, wie sein Schöpfer die Vorlage dem eigenen Stil anpasste, vor allem, wie er wieder mal zahlensymbolisch die Zahl 14 - die alphanummerische Summe seiner Namensbuchstaben - hineinkomponierte, - das ist einzigartig, klar: Es ist ja schließlich von Bach. Dennoch, der unter BWV 1083 aufgeführte, seit 1946 bekannte, aber erst neuerdings beachtete Psalm 51 "Tilge, Höchster, meine Sünden", den Bach im Parodieverfahren (mit deutschem Text und Uminstrumentierung) nach Pergolesis "Stabat Mater" schuf: Er reicht nicht an das Original heran, das das 1736 verstorbene, erst sechsundzwanzigjährige neapolitanische Junggenie der Nachwelt hinterließ. Dem pietistisch frömmelnden Gesang des Leipziger Sündenknechts fehlt die herbe Strenge und Klarheit der lateinischen Marienklage Pergolesis, vor allem in den Schlussteilen, die Bach zu alledem auch noch in Dur enden lässt! Da mag Hengelbrock mit seinem fabelhaften Balthasar-Neumann-Ensemble noch soviel "Emotion" aus diesem unbekannten Bach herausholen. Überdies kann ich mich mit den beiden Solisten nicht recht anfreunden: Maya Boogs Sopran bleibt bei aller trefflichen Einpassung in den samtigen Streicher- und Theorbenklang etwas flach und konturlos. Dies gilt, wenn auch weniger, für Michael Chance. (Wenn schon die authentische Kombination von Sopran und Kontratenor, dann die von Barbara Bonney und Andreas Scholl - wenn auch in der Einspielung des Pergolesi-Originals).
Bleibt - und das ist weiß Gott nicht wenig - Hengelbrocks phänomenaler Klang- und Struktursinn: wie er lässt keiner der heutigen Authentizitäts-Jünger die "alte" Musik gestisch "reden". Er weidet sich geradezu an unvorhergesehenen Harmoniewendungen, und seine dynamische und rhythmisch-pulsierende Sorgfalt macht vor allem aus den beiden Concerti der Pergolesi-Kollegen Scarlatti und Durante eine Abenteuerfahrt durch die theatralisch-barocke Gefühlswelt. Die allseits proklamierte barocke "Klangrede", die uns heute aufwühlt, scheint mir jedenfalls mit Hengelbrock auf dem Gipfel der Verfeinerung angelangt.

Christoph Braun, 01.12.1999



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