Responsive image
Franz Schubert

Werke für Klavier

Elisabeth Leonskaja

MDG/Naxos 343 1194-2
(79 Min., 2/2003) 1 CD

Der Anfang ist furios. Ohne zu zaudern, zu zögern, stürzt sich Elisabeth Leonskaja vehement in das erste der drei Klavierstücke D 946 von Franz Schubert - als wollte sie darauf drängen, dass es keine Sekunde mehr zu verlieren gebe, als sei Aufschub nicht gestattet. Dieser (interpretatorische) Verweis ist so richtig wie eindeutig: Schubert komponierte das Allegro assai in es-Moll, wie auch die beiden anderen Kompositionen aus D 946, in seinem Todesjahr 1828. Und ähnlich den letzten drei Sonaten offenbart sich in diesen Stücken der ganze Schubert-Kosmos auf ingeniöse, zugleich immer wieder irritierende Art und Weise. Ungezügelter Überschwang steht gleichberechtigt neben traumverlorenen Passagen, Momente der Hoffnung, meist von kantablem Esprit, folgen auf harsche Brüche. Kurzum: Lachen und Weinen führen eine gemeinsame Existenz. Und einen Kampf.
Elisabeth Leonskajas Spiel besitzt die nötige Tiefe, aber auch die Sanglichkeit und Spannkraft, um den dialektisch verfertigten Existenzdramen die entsprechende Doppel-Gesichtigkeit zu verleihen. Mit beinahe jugendlichem Eifer und energischem Zugriff hier, mit besinnlicher Zurücknahme dort gestaltet; vor allem im Es-Dur-Allegretto fährt dem Hörer mitunter der Schauder den Rücken hinunter, wenn ein leuchtendes Klangbild plötzlich ins Dunkel fällt, wenn jedwede Hoffnung verlischt. Schade nur, dass Leonskaja diese Dynamik und rhythmische Gespanntheit, die als zentrale Triebfeder der frühen A-Dur-Sonate hörbar werden, in den beiden harmlosen Scherzi D 593 vermissen lässt, und dass auch der Charme dieser Stücke seltsam unentdeckt bleibt. Vielleicht ist das "Leichte" der Pianistin Sache nicht.

Jürgen Otten, 22.11.2003



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top