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Lope de Aguirre u.a.

Marañones de Aguirre

Lee Santana, Steve Player, Hille Perl, Pedro Estevan

DHM/BMG 82876 60489-2
(74 Min., 02/2004) 1 CD

"Dieses hier ist unsere kleine, private Revolution" sagen die Musiker von Los Otros und widmen die CD dem Andenken von Lope de Aguirre: einem ehemaligen Konquistador, der den ersten wichtigen Aufstand gegen die spanischen Besatzer Südamerikas initiierte. Die Widmung wirkt vielleicht etwas weit hergeholt, denn der Revolutionär war lediglich ein Namensvetter des um 1720 gestorbenen Mexikaners Sebastían de Aguirre, dessen Cister-Lehrbuch die Grundlage für die Improvisationen lieferte, die diese CD enthält. Doch die Herausforderung, der sich Los Otros gestellt haben, ist nicht unvisionär. Da die Aufzeichnungen de Aguirres nur kurze Melodiefloskeln, Bassmodelle und Harmoniefortschreitungen, aber keine vollständigen Stücke enthalten, waren die vier Musiker gezwungen, mit diesem Material viel ausgedehnter zu improvisieren, als es sonst in der Alte-Musik-Szene üblich ist. Dass die Kunst der freien Improvisation einen ganz wesentlichen Teil von Ruhm und Können der wichtigen Komponisten und Interpreten des 17. und 18. Jahrhunderts ausmachte, ist nämlich noch immer mehr theoretisches Wissen als praktische Erfahrung. Doch leider nähern sich die Experimente auch im unglücklichen Ausgang von Aguirres Revolution. Am wohlsten scheinen sich Lee Santana und Steve Player zu fühlen: Sie können mit auf einen großen Reichtum volksmusikalisch überlieferter Spieltechniken für Cister und Guitarre zurückgreifen, mit denen sich durch die unterschiedlichsten Arten von Akkordbrechungen und Rhythmusveränderungen unablässig wiederholte eingängige Formeln beleben lassen. Die kreisenden Strukturen scheinen dagegen das Spiel von Hille Perl eher zu behindern: Ihre melodischen Einfälle laufen über den simplen Harmonien immer wieder ins Leere und zur Verstärkung des Basses scheint ihr Gambenspiel trotz berückender Tongebung auch nicht immer notwendig zu sein. Pedro Estevan hingegen weiß die für einen Perkussionisten ungewohnten Freiheiten sehr weidlich auszunutzen, so auch in ausgedehnten jazzigen Soli, die dann aber auch den bisweilen aufkommenden meditativen Sog des Albums stören. Wenn die Vier hier auch noch nicht ihre gemeinsame Sprache gefunden haben, lassen jedoch vereinzelte gute Ansätze hoffen, dass dies nicht ihr letztes musikalisches Wort zum Thema Freiheit bleiben möge.

Carsten Niemann, 01.12.1999



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