Da gähnt man sich doch eine Kiefersperre! Bei diesem ebenso konfusen wie drögen mythologisch-antiken Göttergehabe, diesen Fließbandarien und Perückentanz-Einlagen, ganz zu schweigen von diesem naiven, aus heiterem Bühnen-Himmel herabfahrenden Rettungs-Happy-End!
Jedem, der ein solches Negativbild der französischen Barockoper im Kopf hat, dem sei das Gespann Rameau-Minkowski empfohlen: Ihm wird Hören und (inneres) Sehen vergehen! Ein Spektakel sondergleichen hat der französische Barock-Spezialist mit Rameaus letzter der drei "Tragédies lyriques" inszeniert (hier in der ersten der beiden Fassungen). Allenfalls René Jacobs bringt ein ähnlich pralles musikalisches Leben auf die Bühne. Da nimmt man auch gerne das Thema in Kauf, das so manchen Holperstein birgt, bis der Jupitersohn Dardanus seine geliebte Iphise nach allerlei Bühnenspektakel samt Zauberer, Ungeheuer, Sturm, Rivalen und göttlichem Beistand endlich "kriegt".
Bei Minkowskis Musikern aus Grenoble haben Rameaus hinreißende Kriegs- und Freudentänze ihren Namen verdient. Mit Mireille Delunsch und Véronique Gens sind koloraturgewandte, eminent ausdrucksintensive Venus- und Iphise-Gestalten zu hören. Nicht minder schlank, grazil mitunter, gleichwohl zur Emphase fähig agiert John Mark Ainsleys Dardanus. Unter den Bass-Partien ragt Jean-Philippe Courtis' fulminanter Isménor-Zauberer heraus.
Was sich bei "Hippolyte et Aricie" abzeichnete, wird jetzt mehr als bestätigt: Die Wahlverwandtschaft zwischen Minkowski und Rameau ist ein Glücksfall, nicht nur für Opernfans.

Christoph Braun, 13.04.2000



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