Es wäre wohl etwas zu viel behauptet, wollte man Jean-Philippe Rameaus 1735 uraufgeführtes Opéra-ballet "Les Indes galantes" als erste globalisierungskritische Oper bezeichnen. Dennoch: Es gibt keine musikalische Haupt- und Staatsaktion des Barock, die sich so unvoreingenommen und selbstkritisch mit den Kulturen auf den anderen Teilen des Erdballs ("Les Indes") auseinandersetzt, wie diese Oper, die in Wahrheit eine Folge von vier Kurzopern mit und dazwischen geschalteten ausgedehnten Ballettszenen ist. Für die inhaltliche Klammer sorgt der Prolog, in dem eine aufreizende Amorette die aus Langeweile kriegslüstern gewordene Jugend in alle Erdteile schickt, um dort nach der wahren Liebe zu suchen. Die Europäer geraten unter Türken, Inkas, Perser und Indianer, die zwar auch nicht in perfekten Gesellschaften leben, die Eindringlinge dafür aber immer wieder durch Unverdorbenheit, Großmut und naive Freizügigkeit beschämen. Vielleicht war es weise von Regisseur Andrei Şerban und der gleichberechtigt agierenden Choreografin Blanca Li, der Verlockung nach vordergründigen Aktualisierungen zu widerstehen: Gemeinsam mit William Christie machen sie aus dem Werk ein Fest, das die aufwändigen barocken Szeneneffekte (vom Sturm bis zum Vulkanausbruch) ästhetisch zitiert und teils sinnliche, teils humorvolle Übersetzungen für die historischen Bühnenanweisungen findet: statt sich auf altbackene Art mit Blumen zu bekränzen, können da auch schon einmal spärlich bekleidete Tänzer einen Reigen in überdimensionalen Blumentöpfen formieren. Auch bei der Führung der Sängerdarsteller scheint die Choreographin die Hosen angehabt zu haben, wobei ihr lustvolles Schwelgen in Bildern und Tableaus allerdings oft der Darstellung zugespitzter emotionaler Konflikte sowie dem Herausarbeiten glaubhafter Charaktere im Wege steht. Der Chor, das riesige Aufgebot an stimmlich ausnahmslos überzeugenden Solisten sowie das traumhaft sichere Orchester interpretieren Rameaus Musik dagegen nicht nur mit Verve, sondern auch mit hörbarem Respekt vor der harmonisch wie instrumentatorisch raffinierten Partitur: sie sind es, die dafür sorgen, dass aus der optimistischen Vision einer globalen Spaßgesellschaft keine bloße Spielerei wird.

Carsten Niemann, 04.02.2006



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Alterslos: Der junge Violinist Théotime Langlois de Swarte hatte nach seinem Vorspiel für eine Stelle in William Christies berühmten „Les Arts Florissants“ mit Vorurteilen zu kämpfen. Kann ein Violinist, der ebenso brillant Schostakowitsch interpretiert wie barocke Sonaten, der Richtige sein für diese Elitevereinigung von Puristen? Er kann – denn wie Williams im Interview auch zugibt, war er schon beim ersten Spiel gefangen genommen von der spürbaren Leidenschaft de Swartes für die […] mehr »


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