"Barock that rocks" schrieb ein britischer Kritiker über diese Pariser Inszenierung der lyrischen Komödie "Les Paladins". Auch wenn schrille Inszenierungen von Barockopern en vogue sind, so setzt jene von José Montalvo, mitgeschnitten im Pariser Châtelet-Theater, noch eins drauf, was die Effekte und den Witz angeht.
Die zentrale Handlung: Das Mündel Argie lässt sich in Abwesenheit ihres Ziehvaters Anselme - der sie, sie ihn aber nicht liebt - von dem Jüngling Atis bezirzen. Als der Alte nach Rückkehr jedoch entlarvt wird, wie er aufgrund der Versprechungen eines paradiesischen Anwesens den Verführungskünsten der Fee Manto erliegt, muss er der für ihn unliebsamen Verbindung zustimmen. Der 77-jährige Komponist wollte mit den "Paladins" an die Erfolge des Vorgängerwerks "Platée" anknüpfen. Das Werk floppte jedoch bei Uraufführung 1760, sicherlich nicht zuletzt wegen der als skandalös empfundenen androgynen Fee Manto.
Zentrale und intensiv eingesetzte Elemente der Inszenierung sind Tänzer und Videozuspielungen. Beide bereichern und intensivieren die Wirkung der Aufführung. Jedem Sänger sind ein oder mehrere Tänzer zugeordnet, die dessen Gefühle darstellerisch widerspiegeln, die Textinhalte interpretieren und bisweilen auch die Sänger zum Tanzen animieren. Die Kompanie Montalvo-Hervieu setzt neben klassischen Tänzern auch HipHopper, Breakdancer und Akrobaten ein, all dies sehr originell und dem bei einer "comédie ballet" naturgemäß großen Tanzanteil angemessen. Die Videozuspielungen zeigen neben Elementen des Bühnenbildes und häufig duplizierten Darstellern vor allem Tiere, die mit Darstellern tanzen, Darsteller, die sich in übergroße Tiere verwandeln oder mit solchen tanzen, Putten, die den Vorhang lüpfen und vieles weitere bis hin zur ein- und ausfahrenden Pariser U-Bahn, der eine Pilgergruppe entsteigt. Der Grund für die Tiere: Dem Libretto liegt eine Fabel von Jean de Lafontaine (im Booklet abgedruckt) zugrunde. Dies Spektakel ist jedoch nicht effekthascherisch, sondern eingebunden als Ausdeutung von Handlung und Gefühlen. Selten erlebt man Videozuspielungen so sehr als Bereicherung der Inszenierung, auch beim wiederholten Ansehen.
Unter dem hochkarätigen Sängerensemble sind Topi Lehtipuu als Atis und François Piolino als Fee Manto besonders hervorzuheben. Man hört bzw. sieht allen Sänger- und Tänzer-Darstellern die Begeisterung für die Inszenierung an. Chor und Orchester der Arts Florissants unter William Christie, mittlerweile sehr Rameau-erfahren, musizieren mit Verve, spannungsvoll und klanglich sehr vielfarbig.
Die Videoregie fängt, teils mit bis zu dreifach geteiltem Bild, die Besonderheiten der Inszenierung sehr gut ein. Eine knapp einstündige Dokumentation, bestehend aus Statements und Szenenausschnitten sowie eine illustrierte Inhaltsangabe erhellen Werk und Inszenierung zusätzlich.
Eine Visualisierung von klassischer Musik, für die sich nicht nur Barockfans, sondern sicherlich auch Freunde von Popvideos begeistern können.

Peter Overbeck, 21.04.2006



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