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Johann Sebastian Bach

Das wohltemperierte Klavier (Band 2)

Edwin Fischer

Naxos historical 8.110653-54
(126 Min., 06/1936) 2 CDs

Edwin Fischers Aufnahme des „Wohltemperierten Klaviers“ ist so wunderbar, dass - etwas verspätet - auch auf den zweiten Teil hingewiesen werden soll (siehe Rezension von Teil I). Bachs Stilvielfalt ist hier noch gewachsen. Böswillige könnten sagen, er habe zusammengestückelt.
Frühere Arbeiten aus Köthen stehen neben Präludien, denen man ihre späte Entstehung wahrlich anmerkt. Jenes schlichte, wehmütige Lied in f-Moll ist ganz im „modernen“ empfindsamen Stil gehalten. Sogar drei regelrechte Sonatensätze überraschen den Hörer dieses zweiten, doch unbekannteren Bandes. Angesichts der noch gesteigerten emotionalen Intensität mancher Präludien überrascht die Behutsamkeit, mit der Fischer seine eminente Fähigkeit einsetzt, den einzelnen Stimmen feinstabgetönte klangliche Individualität einzuhauchen.
Wenn der Stil so eindeutig ins Chorische weist wie in den Fugen D und Es-Dur, bleibt das Klangbild doch ausgesprochen klaviermäßig. Gerade das so berückend aufgefächerte Spektrum des Tons - auch den verbuchten Kritiker unter den Romantizismen - bewahrt vor Vergröberung, vor Monumentalisierung, die das Instrument als ungenügend diskreditieren würde.
Diese Kunst gipfelt in der einzig dastehenden b-Moll-Fuge. So kompliziert ist diese Fuge, dass nicht wenig Interpreten die Themeneinsätze allzu belehrend markieren, damit wir den Faden nicht verlieren. Fischer zwingt uns mehr Konzentration auf. Bei ihm sind die Themeneinsätze in eine Landschaft überfeiner Kontraste und allmählicher Steigerung eingesponnen.
Manchmal übertreibt Fischer das Zaubern an der Unhörbarkeitsgrenze fast ein wenig. Der längste "Sonatensatz" in B-Dur schwebt mit seinen hauchzarten Pianissimi vorüber wie ein Mendelssohnscher Elfentanz. Gewiss kann man Bach ganz anders spielen. Aber kaum mit mehr Anmut und Leichtigkeit.

Matthias Kornemann, 01.01.1970



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