Maurice Ravel

Gaspard de la nuit, Sonatine, Jeux d'eau u. a.

Joaquín Achúcarro (Klavier)

Ensayo/Helikon Harmonia Mundi 9808
(68 Min., 9/1999) 1 CD

Das erste Hören ist ernüchternd. Entfernter von Giesekings und Perlemuters betörender Geschmeidigkeit kann man Ravel nicht spielen - Joaquín Achúcarro könnte wahrscheinlich in deren Terrain auch gar nicht bestehen. Im letzten Takt der sich beschleunigenden Sekundgänge des "Scarbo" krachen die Nieten schon bedenklich. Aber der Baske Achúcarro will auch gar nicht so spielen wie die Magier. Mit klanglichen Härten und Sprödigkeit verweigert er sich der üblichen Gourmet-Pianistik (immer perlender und duftiger). Die ewige "Pavane" wird mit fast gequält schleppenden Unterstimmen und Zäsuren ebenso gegen den Strich gebürstet wie die bitter tröpfelnden "Jeux d'eau", die langsamsten, die ich kenne.
Was will Achúcarro? Im Mittelsatz der "Sonatine", dem "Mouvement de Menuet", sagt er es uns. Er beginnt ebenso rasch wie das alle tun, vielleicht sogar noch eine Spur beiläufiger. Warum aber braucht er über eine Minute länger als Cortot, Moravec, Perlemuter, Casadesus oder Gieseking? Achúcarro nimmt Ravel beim Wort, und das Ergebnis ist verstörend. Die vierfache Anweisung, in der Reprise des A-Teils zu verlangsamen, bringt, einmal so streng befolgt, den scheinbar harmlosen Satz in eine bedrohliche Schieflage.
Denn nicht bloß langsam wird der Schluss dieses Stückleins, das so munter ausschreitend begann, sondern abgründig verfinstert. Achúcarro nimmt auch den tröstenden Schleier schimmernden Klanges fort, und er erspürt dahinter das Aroma persönlicher Bitternis. Im Finale der Sonatine brechen Augenblicke einer Trostlosigkeit auf, wie wir sie hier kaum erwarten würden. Achúcarro entdeckt die Herbheit nicht nur als Farbe - das tat auch Casadesus -, er legt einen Zug verzweifelter Grübelei in Ravels Wesen frei, das sich so scheu hinter seiner brillanten Technik verbirgt. Das ist eine sehr ungewöhnliche, persönliche Aufnahme.

Matthias Kornemann, 09.08.2001



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