Maurice Ravel

Gaspard de la nuit, Sonatine, Jeux d'eau u. a.

François-Joel Thiollier (Klavier)

Naxos 8.555798
(75 Min., 11/1993, 1/1994)

Bis er elf Jahre alt war, studierte François-Joel Thiollier bei Robert Casadesus. Einer seiner letzten Privatschüler sei er gewesen, erinnert sich dessen Frau Gaby. Thiollier ging dann nach Amerika, und er vergaß Casadesus und das Conservatoire. Ein Stil wurde überlagert, ohne doch ganz getilgt zu sein.
Dies ist ein Ravel hinter einem zwar nicht dicken, aber alles einhüllenden Pedalschleier, der die Konturen sanft aufweicht und einen feuchten Glanz auflegt. Wenn das Pedal gelegentlich nicht ganz sauber gewechselt wird, dringt dieser Nebel gleichsam in die Fugen der Werkarchitektur, ein bei französischen Pianisten älterer Schule undenkbarer Pfusch. Unter dieser etwas weichzeichnenden Decke produziert eine leichtgängige, glasklare Fingerarbeit silbrigen, fast etwas kristallinen Ton: Der überformte Horizont der alten Welt.
Eine bemerkenswerte Feinmechanik rauscht und perlt im Prélude und der Toccata des "Tombeau", als wisse sie nichts von den überlagernden Dunstschleiern und davon, dass wir sie nicht ungetrübt würdigen können. Seltsamer noch, wie Thiollier in manchen Stücken, so den "Jeux d'eau" und der "Sonatine" in eine Detail-Reizbarkeit verfällt, bereit, den Fluss stocken zu lassen, um im Gehäuse weniger Takte die letzten Tropfen Ausdrucks herauszupressen. Der Anfang der Wasserspiele mag davon einen Eindruck geben oder auch der Beginn der Durchführung im Sonatinen-Kopfsatz. Nervös losrasselnd reagiert Thiollier auf das Wort "très expressiv" und gibt Kräfte aus, die ihm dann in der Klimax fehlen.
Dennoch hören wir dieses Spiel mit Vergnügen, allerdings unsicher, ob diese delikate Melange aus Grazie und einem Hauch Schlampigkeit bereits das Höchste ist, was dieser interessante Pianist zu leisten vermag. Vielleicht sind es die Schwierigkeiten des "Gaspard de la nuit", die die Stilzüge, die sich mancherorts aufheben wollen oder nichts voneinander zu wissen scheinen, geradezu triumphal zusammenzwingen. Hier siegt eine Geschmeidigkeit, die uns doch staunen lässt. Bei der "Ondine" sind es oft kleine Schwergängigkeiten, etwa in den Terzenabstürzen, die der angestrengte Interpret in höchster Not als expressive Stauungen ausgibt. Thiollier aber verflüssigt den schweren Satz zu einem Rauschen eisig perlender Tropfen, der Pedaldunstschleier bleibt transparent. Und er gibt geschmäcklerisches Detailwerk auf zugunsten eines großen, die tastaturumgreifenden Bewegungsfolgen zusammenschmiedenden Spannungsbogens.
"Scarbo" wird, originell genug, zum Undinenbruder, ist kein polternd erschreckender, sondern ein federnd entwischender, gespenstisch ungreifbarer Geist mit einer Neigung, sich zu entmaterialisieren, der in einer pianistisch durchaus sensationellen Bewältigung der wahrlich dämonischen Sekundcluster der Beschleunigungsepisode gipfelt. Die sind selbst für eine Argerich oder einen Michelangeli nicht "leicht". Für Thiollier aber scheinen sie es zu sein. Er zieht das Tempo geradezu mühelos an und feuert diese Sekundgänge weich, sprühend, ja provozierend lässig hin, als sei er dieser Dämon selbst, der uns - und vermutlich seine Klavierlehrer - oft genug genarrt hat mit seinen Stil-Volten und uns fast ratlos zurücklässt mit der Frage, wie dieses Spiel denn nun eigentlich zu beschreiben sei.

Matthias Kornemann, 03.10.2002



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