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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



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The Cellar Door Sessions 1970

Miles Davis

Sony BMG C6K93614
(350 Min., 12/1970) 6 CDs

Es war ein Fanfarenstoß wie Donnerhall. Im Herbst kündigten die US-Medien sensationell Neues aus dem Miles-Davis-Nachlass an. Die bisher nur in kleinen Ausschnitten auf Live-Evil veröffentlichten Aufnahmen des mehrtägigen Gastspiels, das der Prince of Darkness im Dezember 1970 im Washingtoner Club "The Cellar Door" gab, würden nun fast vollständig in einer vorbildlich dokumentierten Box vorgelegt. Doch alsbald entspann sich ein monatelanger erbitterter Zwist mit den Nachlassverwaltern, wer denn nun als verantwortlicher Produzent für diese Box firmieren dürfe. Der Kompromiss sieht nun so aus, dass deren Macher nur als Kompilatoren angeführt werden.
Jetzt gibt es die Box auch bei uns. Sie gewährt einen unverstellten Blick auf die Combo, mit der Miles Davis den Schritt zum rockenden Electric Jazz endgültig vollzog. Saxofonist Steve Grossman, Keyboarder Chick Corea und vor allem Bassist Dave Holland, der sich von seiner Jazzorientierung nie verabschiedet hatte, gehörten der Band nicht mehr an, nur Keith Jarrett und Schlagzeuger Jack DeJohnette waren noch dabei. Mit der Verpflichtung von Michael Henderson, dem reinen E-Bassisten aus der Detroit-Szene, markierte Miles Davis das neue Programm. Auf Live-Evil war bisher hauptsächlich der letzte Abend zu hören, an dem der Gitarrist John McLaughlin ausführlich als Gast mitwirkte. Alt- und Sopransaxofonist Gary Bartz, der als der eigentliche Melodiker der Band immer wieder Beifall auf offener Bühne erhielt, kam da zu kurz. Im Booklet, in dem alle Sidemen ausführlich ihre Zeit mit Miles erinnern, ist nachzulesen, dass Keith Jarrett über die Mitwirkung von McLaughlin nicht glücklich war, da sie die Balance der Band verändert habe. Außerdem gesteht er seinen Frust über die "Elektroschrott-Instrumente", die er zu spielen hatte; zur Kompensation habe er berserkernd Fender-Rhodes und Fender-Organ gleichzeitig bedient. Jetzt ist also zu hören, was bei Miles in dieser Umbruch-Periode tatsächlich abging. Michael Henderson sorgte für mächtig funkige Ostinati. Jack DeJohnette spielte fast erbarmungslos seine Boogaloos; Perkussionist Airto Moreira durfte für brasilianische Tupfer sorgen. Keith Jarrett generierte Tontrauben, um dann wieder in langen ruhigen Passagen zu entspannen. Gary Bartz entfernte sich nie zu weit von Charlie Parker, und Miles Davis schließlich erging sich weitgehend in wah-wah-verfremdeten Motivkürzeln und Stichnoten; nur selten wollte er da etwas zu einer echten melodischen Linie krümmen.
Fast krude kommt das über weite Strecken daher und wurde erst am besagten letzten Abend etwas weniger hochenergetisch. Damals von vielen als die umwerfende musikalische Entsprechung des Zeitgeistes empfunden, verdient diese Musik in der Rückschau zumindest auch ein mildes Lächeln.

Thomas Fitterling, 29.04.2006



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