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The Complete Jack Johnson Sessions

Miles Davis

Columbia/Sony BMG 86 395
(369 Min., 2/1970 - 6/1970) 5 CDs

Die epochalen Alben "In A Silent Way" und "Bitches Brew" hatte Miles Davis eingespielt. Was sollte nun geschehen? Der Trompeter arbeitete einfach weiter, wobei er im Studio immer konsequenter auf Rockrhythmen setzte und die fließenden Trance-Passagen hinter sich ließ. Dies dokumentiert einerseits ein Teil der Aufnahmen aus der 1998 veröffentlichten Box "The Complete Bitches Brew Sessions", die mit einer eher am 7. Februar 1970 aufgezeichneten, weitgehend an eine Probe erinnernden Fassung von "Double Image" endet. Die Anschlussbox "The Complete Jack Johnson Sessions" beginnt mit sechs Takes und Bruchstücken zu "Willie Nelson", auf denen zu spüren ist, wie Miles Davis‘ Studioband am 18. und 27. Februar eine kräftig rockende Version erarbeitet. Bei der Fülle des Materials ist das Suchen und Tasten deutlich zu spüren; folgerichtig wurden nur Teile jener fünfzig Minuten für die auf der Platte "A Tribute To Jack Johnson" editierten Fassung verwendet. Ähnlich verhält es sich bei den Titeln "Right Off" und "Yesternow", die ebenfalls auf dieser Hommage an den schwarzen Boxer veröffentlicht wurden. Eine gut gemixte Version des kompletten Albums verdeutlicht, welch gewaltige Arbeit beim Schnitt geleistet wurde. Auch die auf "Big Fun" erschienene Fassung von "Go Ahead John" ist eine nachträgliche Montage aus den besten Passagen von fünf Anläufen. Die Komplettfassungen der ursprünglichen Takes machen vor allem eins klar: Miles Davis hatte einen großartigen Editor, der aus der Masse der Musik jene Passagen herausfischte, die für eine Veröffentlichung tragfähig waren. In dieser Phase seiner Entwicklung elektrifiziert Miles Dabis seine Band immer konsequenter und experimentiert selbst mit wah-wah-Effekten der Trompete. Dabei wird offenkundig, dass der innovationsfreudige Trompeter und seine Partner, darunter der Schlagzeuger Jack De Johnette, der Bassist Dave Holland, der Gitarrist John McLaughlin, im Verlauf der Studiosessions viel Leerlauf produzierten. Die Qualität der Sessions stieg erst, als Billy Cobham das Schlagzeug übernahm und Herbie Hancock harte Orgelsounds gegen John McLaughlins Elektrogitarre setzte. Braucht die Jazzgemeinde eine solche Edition von Unzulänglichem? Vielleicht ist es tatsächlich sinnvoll, sich damit auseinander zu setzen, denn die viereinhalb Stunden erstmals veröffentlichten Materials entzaubern den Nimbus von Miles Davis als genialem Alleskönner, der lediglich ins Studio zu gehen brauchte und schon ein Meisterwerk landete. Jetzt wissen wir, dass die magische Wirkung des Materials erst bei der Nachbearbeitung entstand. Oder - aber das ist ein anderes Kapitel für weitere Wiederveröffentlichungen - in Konzerten. Nachdem die Studioeinspielungen bis zu Miles Davis‘ Rückzug aus Studio und Konzertbetrieb zu Beginn der 70er Jahre ausgewertet sind, steht eine umfassende Edition der Konzerte sowie der Live- und Studiotakes nach dem Comeback ins Haus.

Werner Stiefele, 01.11.2003



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