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Johann Sebastian Bach

Goldberg-Variationen, Partiten Nr. 1-6 u.a.

Alexis Weissenberg

EMI 5 74144 2
(12/1966) 3 CDs

Der Medien-Zuspruch zu Murray Perahias Einspielung der „Goldberg-Variationen“ (siehe Rezension) gipfelte in dem mir doch allzu einträchtigen Credo, Perahia habe dies Stück gleichsam erfunden. Soviel Eintracht dürfte Alexis Weissenbergs Interpretation kaum erzeugen, die das reinste Perahia-Gegengift ist. Weissenberg ist durch schwere Krankheit nicht nur tragisch verstummt, sondern dazu verurteilt, zu Lebzeiten seinem Vergessenwerden beizuwohnen. Darum dieser verspätete Hinweis auf eine wiederveröffentlichte Aufnahme, die schon vor dreißig Jahren eine Provokation war und es immer noch ist.
Man muss sie nicht mögen, aber Bewunderung für den Präzisionsmechanismus von Weissenbergs Pianistik auf ihrer Mittagshöhe wird man ihr in jedem Fall zollen müssen. Diese „Goldberg-Variationen“ gleichen einem zerbrochenen Spiegel. Unerhört und auch auseinanderstrebend ist der stilistische Facettenreichtum, aber ein kalter Glanz des endgültig Gefeilten liegt über jedem abgebildeten Detail. Verzierungen wie kostbare Goldschmiedearbeit, auf dunklem Samt etwas eitel zur Schau gestellt. Aber welch unfehlbare Arbeit!
Jäh sind die Wechsel pianistischer Ausleuchtung. Dem gelösten Lyrismus der Nr. 19 folgt die geradezu absurde Tour de Force der Nr. 20 im Nonlegato. Man sieht förmlich metallisch schimmernde, rasende Insektenbeine. Man darf die rhythmischen Verzerrungen der langsamen Variationen 13 und 25 durchaus bizarr, vielleicht etwas erkünstelt finden, ebenso die ausgeschriebenen Triller der 27, die Weissenberg so perkussiv anschlägt, dass die Klaviermechanik hier hörbar an ihre Grenzen gelangt.
Doch mag Weissenberg manieristische Stilzüge in Details kultivieren, ein eiserner Wille zur Klarheit, eine völlig antiromantische Grundhaltung halten den Goldberg-Kosmos zusammen. Aufnahmen für Gourmets mit leichter Neigung zur Décadence. Großes Klavierspiel allemal!

Matthias Kornemann, 01.01.1970



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