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Johann Sebastian Bach, Johann Gottfried Müthel

Cembalokonzert d-Moll BWV 1052, Tripelkonzert BWV 1044, Klavierkonzert B-Dur

Raphael Alpermann, Christoph Huntgeburth, Georg Kallweit, Zvi Meniker, Christine Schornsheim

HMF/Harmonia Mundi Helikon 7 94881 64962 4
(74 Min., 01/2001) 1 CD

Wer wie ich Anfang der Siebziger mit Jean François Paillards Kammerorchester und I Musici sozialisiert wurde, der hielt Bachs Konzerte für ziemlich langweiliges Barockgedudel. Vor allem das a-Moll-Tripelkonzert war ein dröges Unterfangen, das sich über fünfundzwanzig Minuten hinwegschleppte, und die Cembalokonzerte zeichneten sich vor allem durch ein kaum vernehmbares Gezirpe des Soloinstrumentes aus.
Höre ich die Werke jetzt mit der Berliner Akademie für Alte Musik, dann erkenne ich sie nicht wieder - einfach fabelhaft! Ein Ausbund an Energie wird hier inszeniert. Das d-Moll-Cembalokonzert wird zum atemlos-düsteren Krimi, in dem einem das Manisch-Bohrende der Tonrepetitionen erstmals so richtig bewusst wird. Die vielbeschworene Partiturtreue und "Korrektheiten" der historischen Aufführungspraxis werden zur selbstverständlichen Nebensache - angesichts solcher Spielfreude, die auch rabiate Zugriffe nicht scheut.
Nahezu in jedem Takt spürt man das Aufatmen, die innere Befreiung, die Bach inmitten seines leidigen, von ständigen Querelen torpedierten Kantorendienstes empfunden haben muss, als ihm im Frühjahr 1729 die Leitung des Leipziger Telemannschen Collegium musicum übertragen wurde: endlich hat er Musiker (Studenten) zur Hand, die fähig sind, seine anspruchsvollen privat-"weltlichen" Orchester- und Konzert-Ideen zu verwirklichen.
Dreien von ihnen hat er im a-Moll-Tripelkonzert eine gehörige Portion Virtuosität und "Teamgeist" abverlangt. Den heutigen Berliner Solisten hätte Bach im Zimmermannschen Coffeehaus, wo man sich zum gemeinsamen Musizieren wöchentlich traf, sicher eine extra Runde spendiert, so makellos, so pulsierend im gemeinsamen Gestus, bis ins letzte virtuose Sechzehntel aufeinander abgestimmt, wird hier agiert.
Allenfalls über die Wahl des Silbermann-Pianoforte (statt Cembalo) hätte sich die alte Perücke kritischen Gedanken gemacht. Erst recht über den letzten, harmonisch etwas einfältigen Satz des B-Dur-Klavierkonzertes seines noch jungen Schülers, des Schweriner Hoforganisten und Komponisten Müthel. Über die "modernen", dem später sogenannten empfindsamen Stil zuzurechnenden plötzlichen Stimmungsumschwünge hätte er sich wohl gewundert, auf jeden Fall aber staunend gefreut über das Feuer, das diese jungen Leut, insbesondere Christine Schornsheim am Pianoforte, zu diesem furiosen "Collegium musicum" animiert. Also: Mehr Müthel und - trotz Gedenkjahr - noch mehr Bach, jedenfalls von dieser Sorte!

Christoph Braun, 01.12.1999



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