Responsive image

The Distance Runner

Dave Liebman

Hat Hut/Hatology 628
(54 Min., 8/2004) 1 CD

Was für ein Höhenflug! Beim Jazzfestival im schweizerischen Willisau riskierte Dave Liebman Kopf und Kragen. Es hat sich gelohnt, denn der Live-Mitschnitt von jenem 28. August 2004 zeigt ihn als immens facettenreichen, frei improvisierenden und dabei höchst konzentrierten, formbewussten Musiker. Gleichgültig, ob er sein Tenor- oder Sopransaxofon quäkend überbläst, ob er den Instrumenten klare, vibratolose Töne entlockt oder ob er wilde Tonkaskaden aus ihnen herausschleudert: Es ist kein Unsinn dabei. Augenzwinkernd huldigt er dem Pionier des Sopransaxofons, Sidney Bechet, mit herrlichen, von einem leichten Vibrato durchwehten Kantilenen in dessen Komposition "Petite Fleur". Wie er diese durchbricht, wie er rasche Läufe dazwischen mengt oder einzelne Passagen rau ansetzt, hat mit dem Kaputtspielen des europäischen Free Jazz der 1960er Jahre nicht das geringste zu tun. Hier ist es eine hochachtungsvolle Begegnung zweier musikalischer Welten, eine Ehrbezeugung, die auch Eigenes, Persönliches einschließt. Ähnlich verhält es sich auch mit Dave Liebmans Tenorsaxofon-Improvisation über John Coltranes "Peace On Earth": Der Amerikaner kennt seine Ahnväter, nähert sich ihnen an und bleibt doch er selbst. In die Flötenimprovisation "Mother, Father" integriert er asiatische Elemente, und das fünfzehnminütige "Time Immemorial: Before, Then, Now, After" ist ein live aufgeführter Dialog mit einer bereits 1996 angefertigten Bandaufnahme, auf der der Toningenieur Walter Quintus die Geräusche von strömender Luft und Saxofonklängen zu einem dichten, die originalen Quellen bis zur Unkenntlichkeit modifizierten Geräuschraum zusammengefügt hat. Dieses Stück entführt in ungewöhnliche Klanglandschaften. Dank Liebmans tragenden Live-Improvisationen entsteht ein packender Zwitter aus Mystik und unbeugsamer Energie.

Werner Stiefele, 25.02.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top