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Johann Sebastian Bach

Motetten BWV 225-229

Sächsisches Vocalensemble, Matthias Jung

Tacet 108
(54 Min., 07/2000) 1 CD

Man hat sich in Dresden für die Minimalversion entschieden: gerade mal fünf Motetten schreibt Matthias Jung dem berühmten Leipziger Thomaskantor zu, so dass der Hörer auf die in der Autorschaft fragliche und - zugegeben - vergleichsweise bescheiden gestrickte Motette "Lobet den Herrn" BWV 230 verzichten muss.
Doch diese quantitative Einschränkung wird mehr als wett gemacht durch höchstrangige Gesangsqualitäten. Wäre die Einspielung des erst fünf Jahre alten Ensembles bereits vor drei Jahren erschienen, so hätte ich sie im damaligen Interpretations-Vergleich ganz oben platzieren müssen. In puncto Virtuosität und Präzision kann nur der RIAS-Kammerchor konkurrieren.
Matthias Jung hat ein nahezu ideales Profi-Ensemble zur Verfügung: junge, flexible und ausbalancierte Stimmen, die technisch keine Probleme kennen und die auch im größten Durcheinander der Bachschen Polyfonie, etwa im rauschhaften achtstimmigen "Singet"-Jubel BWV 225, eine frappierende Durchsichtigkeit bewahren - man kann in diesem Sechzehntel-Taumel, in dem Bach beide Chöre auf denkbar abwechslungsreiche Weise alterniert und kombiniert, wirklich jede Einzelstimme verfolgen, zumal die Artikulation ausgefeilter nicht sein könnte. Das liegt sicher auch an der fabelhaften Aufnahmetechnik der Tacet-Experten.
Allerdings - und das besagt jenes einschränkende "nahezu ideal": Der Sopran zeigt mitunter eine mädchenhaft grelle Vokalfärbung, vor allem in Bachs tiefsinnigstem Gattungsbeitrag "Jesu, meine Freude". Jung favorisiert flotte, um nicht zu sagen extreme Tempi: Das verleiht den Ecksätzen eine hinreißende Verve, manche Mittelsätze aber werden zu verhetzten, folglich sinnentfremdeten Fragezeichen. Vor allem die Kombination von Choral und Aria im zweiten Teil des "Singet"-Werkes verliert mit dieser Hast jeden meditativen Aspekt (so richtig es ist, die oftmals allzu gedehnten Lesarten, auch von RIAS, zurechtzurücken - aber bitte nicht so). Auch irritiert mich mitunter das extrem kurze, überdeutliche dynamische An- und Abschwellen: Es mag korrekt historisierend sein, aber größere Phrasierungs- und Spannungsbögen gehen dadurch verloren.
Versöhnend kommt da die Motette "Fürchte dich nicht" daher: eine wunderbar leicht und luftig dahinfließende Labsal an Zuversicht. Nicht nur hier hätten Bach und seine Leipziger Thomaner voll Neid auf die Konkurrenz aus Elbflorenz geschaut.

Christoph Braun, 01.01.1970



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