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Forecast: Tomorrow

Weather Report

Columbia Legacy/Sony 8287685572
(224 Min., 1969 - 1985) 3 CDs, mit Bonus DVD (120 Min)

Gut 35 Jahre ist es her, dass Weather Report, die legendäre Fusion-Supergruppe um den Saxofonisten Wayne Shorter und den Keyboarder Joe Zawinul, mit ihrer ersten LP die Standards des Electric Jazz bis in die Gegenwart hinein definieren sollte. Jetzt legt Sony Music in der "Columbia Legacy" Serie eine aufwändig gestaltete Box mit den bahnbrechenden Aufnahmen aus allen Phasen von Weather Report vor.
Wayne Shorter hatte mit Miles Davis die Apotheose des akustischen Combo-Jazz mitgestaltet und an der Seite des Trompeters die Integration elektrischer, rockorientierter Elemente in den Jazz mit eingeleitet. Aber auch andere waren 1969 in dieser Richtung unterwegs. Der Pianist Joe Zawinul sorgte bei Cannonball Adderley auf dem E-Piano für mächtige Grooves, und der tschechische Wunderbassist Miroslav Vitous mischte die Szene mit einer elektrifizierten Musik auf, in der ein hohes Maß an gleichzeitiger Improvisation stattfand. Im Nachhinein wirkt es fast naturgesetzlich, dass sich Shorter, Zawinul und Vitous fanden und zusammen mit dem Schlagzeuger Alphonse Mouzon und dem Perkussionisten Airto Moreira eine eigene Band mit dem pfiffigen Namen Weather Report gründeten.
Bevor sich auf der ersten CD die überragende Power der neuen Formation sinnfällig vermittelt, spüren zunächst drei Titel den Tendenzen nach, die in die Richtung der neuen Formation weisen. Die Entwicklung der Band, in der die Schlagzeuger öfter, die Bassisten seltener wechselten, wird dann über drei CDs bis zu ihrem Ende mit sorgfältig ausgewählten Titeln dokumentiert. Es ist faszinierend nachzuvollziehen, wie Joe Zawinul ausgehend vom Fender-Rhodes-Piano schließlich die Instrumentalstandards aller nach und nach erhältlichen Keyboards definiert - und natürlich ist Jaco Pastorius ausführlich zu hören, wie er bis heute gültige Maßstäbe für das E-Bass-Spiel setzt. Schön ist, dass die besonders intensiven und intimen Momente, in denen Zawinul und Shorter ganz allein im Duo miteinander musizieren, sensible Berücksichtigung finden. Zum Abschluss gibt es als Bonus-Track "125th Street Congress" als Remix von DJ Logic.
Ein detailliertes Booklet mit zahlreichen erhellenden Statements der beteiligten Musiker ergänzt die Musik. Beim Nachhören wird deutlich, dass diese Band bei aller frühen Nähe zu Miles Davis von Anfang an eine eigenständige Einheit war, bei der melodische und soundorientierte Sophistication, Transparenz und Groove gleichberechtigte Rollen spielten. Wie das in der Band funktionierte wird auf der DVD augenfällig, die den Fernsehmitschnitt des Konzerts der Band 1978 in Offenbach enthält: Am Ende des Konzerts spielen die Groove-Master und Wahnsinnstechniker Peter Erskine und Jaco Pastorius mit entblößtem Oberkörper, Joe Zawinul gönnt sich ein weit geöffnetes Hemd, während der hip distanzierte Melodiker Wayne Shorter über dem geschlossenen Hemd auch die Anzugsweste zugeknöpft trägt. Doch die Musik ist alles andere als zugeknöpft, sie ist voller Kraft und überschäumender Lebensfreude - oder wie heißt es so schön altmodisch: Diese Box ist einfach eine Wucht.

Thomas Fitterling, 15.12.2006



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