Es mag seltsam sein, bei einem Solorecital zunächst auf die Begleitung hinzuweisen. Aber aus der außergewöhnlich feinsinnigen Art, in der das Venezianische Barockorchester unter Andrea Marcon die Salzburger Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager in ihrem Bach-Recital begleitet, resultiert zu einem gut Teil der vorzügliche Eindruck dieser Platte.
Die Arie "Schlummert ein, ihr matten Augen" etwa (aus der Kantate "Ich habe genug") zählt zu den populärsten, dutzendfach eingespielten Werken Bachs (ihm selbst lag sie sehr am Herzen). Aber wo und wann sind einmal die zarten Flötenstimmen zu hören? Analoges gilt für die filigranen Continuo-Töne der Theorbe (Basslaute). Schon diese äußerliche Dezibel-Überraschung lässt auf eine eminente Sorgfalt und Zurückhaltung schließen, die Marcon seiner historisch aufspielenden Truppe auferlegte. Kein plakatives Hervorheben der bekannten Hauptstimme, vielmehr ein fein gewobener Teppich von Bachs sprichwörtlicher Polyfonie ist hier zu goutieren.
Wie aus dem "Schlummert"-Beispiel zu ersehen, wird der Hörer in vorwiegend ruhige Gefilde entführt, insbesondere in jene eigenartige Sphäre gelöster Todesnähe, wo religiöse Zuversicht dem Sterbenden alle Angst vor dem abgründigen Nichts nimmt. Kein anderer hat diese eigentümlich paradoxe Gefühlslage von banger und entspannter, ja fröhlicher Todeserwartung derart ergreifend in Töne gesetzt wie der große JSB.
Angelika Kirchschlagers zu Emphase, ja Inbrunst fähigen Mezzo hindert den Hörer daran, sich allzu sehr "einlullen" zu lassen. An sich würde ich diese Arien einer runderen, samteneren Alt-Stimme anvertrauen, doch Kirchschlagers helleres, kerniges Timbre tut dem stimmigen Gesamteindruck insofern keinen Abbruch, als ihr auch warme Klangfarben zur Verfügung stehen. Allenfalls die Arien "Erbarme dich" und "Laudamus te" aus der "Matthäus-Passion" und der h-Moll-Messe schmälern ein wenig das Vergnügen, da Angelika Kirchschlager hier zu leidenschaftlich tremolierend agiert und Giuliano Carmignola seine Geigensolo-Akzente zu nervös-kantig setzt.
Ansonsten harmonieren die Solisten auf denkbar geschmeidige, phrasierungsgetreue Weise, zumal die (ungeschriebenen) Auszierungen vom barocken Expertenwissen beider Künstler zeugen. Und die zwei flotten Arien-Beispiele stellen beider Virtuosität bestens unter Beweis. Ein Bach-Vergnügen und eine Bach-Labsal also.

Christoph Braun, 01.12.1999



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