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Purple - Celebrating Jimi Hendrix

Nguyên Lê

ACT/Edel Contraire 9410-2
(55 Min., 5/2002 - 7/2002) 1 CD

Manche Projekte sind schon von Anfang an vom Scheitern bedroht. Wie, bitteschön, soll jemand Titel von Jimi Hendrix neu einspielen, wo doch die Originale in jedem Wohnzimmer der Hippie-Generation schon tausendfach liefen und ihren bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Der Gitarrist Nguyên Lê hat es trotzdem gewagt, und die zehn Titel nötigen einem mindestens so viel Respekt ab wie Gil Evans' Big Band Version aus den siebziger Jahren.
Vom Trotz, vom Selbstbehauptungswillen, von der Wut und der Liebe der Achtundsechziger blieb in den neuen Versionen nicht einmal der geringste Hauch - aber wie soll einer, der 1959 als Sohn vietnamesischer Exilanten in Paris geboren wurde, auch jenen Gefühlsmischmasch aus Sehnsüchten nach Freiheit und Angst davor, zum Vietnam-Krieg eingezogen zu werden, diese Dank der Antibaby-Pille ausgelöste Aufbruchstimmung zur freien Liebe und den alten, puritanischen Normen verstehen?
Nguyên Lê macht deshalb das einzig Richtige: Er lässt sämtliche Zeitbezüge hinter sich und nimmt die Themen als reine, von allem zeitgeschichtlichen Ballast befreite musikalische Vorlagen. "Have you ever been experienced - not necessarily stoned" singt die Sängerin Corin Curschellas in "Are You Experienced" - und so, wie sie es singt, hat dies nichts mehr mit dem Verbotenen damaliger Drogen-Experimente zu tun. Stattdessen mengt die Schlagzeugerin Terry Lyne Carrington funky Trip-Hop-Rhythmen unter das Geschehen, und Meshell Ndegeocello oder Michel Alibo steuern funky-jazzige Bassfiguren bei.
Während Jimi Hendrix' "Burning Of The Midnight Lamp" noch nach dem deutschen Volkslied "Ich bin das ganze Jahr vergnügt" klingt, phrasiert Nguyên Lê abstrakt, und "Voodoo Child (slight return)" wird zum Afro-Ethno-Song. Welche Jazz-Qualitäten Jimi Hendrix' Songs einst besaßen, lässt die Version von "Up From The Skies" spüren: Sie swingt so untergründig wie einst Stings "Englishman In New York". Sich wie Nguyên Lê die Freiheit zu nehmen, Distanz zu den Originalen zu wahren, ist wahrscheinlich die einzig vernünftige Art, wie die Hendrix-Songs in die Gegenwart übertragen werden können. Lê ist dies sehr gut gelungen, zumal seine Bearbeitungen eines klarstellen: Musiker von heute denken anders als der Hippie Jimi Hendrix.
Wer aber will es einem älteren Herrn verdenken, dass er trotz aller Hochachtung vor den reifen, musikalisch hervorragenden Bearbeitungen durch Nguyên Lê lieber zu seinen alten Vinyl-Platten greift und in Erinnerungen schwelgt?

Werner Stiefele, 26.09.2002



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