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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Kaum zu glauben, dass dies die erste Referenzeinspielung der Matthäus-Passion mit solistisch besetztem Chor ist. Dabei ist es schon zwanzig Jahre her, dass zwei mit Joshua Rifkin und Andrew Parrot zwei engagierte Musiker und Wissenschaftler den Verteidigern romantisch-opulenter Besetzungen alle Beweislast überzeugend vor die Füße gewälzt haben. Mag die Scheu vor einer klingenden Umsetzung der These auch groß gewesen sein: dramatisch anders fällt das neue Klangbild im Vergleich zu schlanken Kammerchorbesetzungen nicht aus. Überzeugend machen sich jedoch die aufgewerteten Instrumentalstimmen im Verein mit Bachs oft sehr instrumental erfundenen Vokalpartien. Und dass man endlich auch Nebenfiguren wie Pontius Pilatus Frau mit der Ausdruckskraft des eingesungenen Vollprofis hören kann, gehört ebenfalls zu den Aha-Effekten, die uns McCreesh beschert. Viel einschneidender für die klangliche Gesamtwirkung ist jedoch, dass McCreesh die Verwendung schmalbrüstiger Truhenorgeln hinterfragt und stattdessen zur Continuo-Begleitung auf eine mittelgroße Kirchenorgel zurückgreift. Nicht zuletzt mit ihrer Unterstützung läuft der Evangelist Mark Padmore im zweiten Teil zu rhetorischer Höchstleistung auf: Mit bebendem Eifer malt er ein blutiges Bild der Passionsgeschichte an die weiß gekalkte Kirchenwand, das so manche mit Erzevangelist Peter Schreier pietätvoll durchsessene Stunde vergessen macht. Leider hat McCreesh seine Solisten in den Arien nicht ebenso auf Linie bringen können: Hier wird immer noch ein Hauch zu gefühlig aus Bauch und persönlicher Betroffenheit, statt aus pietistischem Mitteilungseifer gesungen - was die mit intellektueller Lust an rhetorischer Zuspitzung gefertigten Betrachtungen noch immer ein wenig peinlicher erscheinen lässt als nötig.

Carsten Niemann, 01.01.1970



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