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Steve Reich

Triple Quartet, Electric Guitar Phase, Music For Large Ensemble, Tokyo/Vermont Counterpoint

Kronos Quartet, Dominic Frasa, Alarm Will Sound u.a.

Nonesuch/Warner Classics 7559-79546-2
(54 Min., 1998 - 2001) 1 CD

Steve Reich, Minimalist der ersten Stunde, hat sich in seiner Musik wohl weiterentwickelt vom sparsamen Konzept seiner Frühwerke aus den sechziger Jahren, doch zeitigt diese Weiterentwicklung, die in erster Linie auf harmonischer und konstruktiver Ebene spürbar wird, nicht unbedingt interessante Ergebnisse. Sein "Triple Quartet" von 1999, ein Stück für Streicher, das entweder von drei Quartetten oder, wie auf der vorliegenden Aufnahme, von einem Quartett mit Tonbandzuspielung gemeistert werden kann, bleibt formal relativ konventionell - drei Teile in der Abfolge schnell-langsam-schnell -, wartet jedoch mit ausgeklügelten kanonischen Techniken und einer für Reich ziemlich vielschichtigen und dissonanten Harmonik auf.
Letztere kommt nicht von ungefähr: Als Inspiration nannte der Komponist die Quartette von Alfred Schnittke und das Quartett Nr. 4 von Bartók. Trotz gediegenen Handwerks vermag mich das "Triple Quartet" jedoch nicht recht zu fesseln: Reichs Tonsprache wirkt müde und ausgedörrt, harmonisch wandelt er auf Pfaden, in denen er sich selbst nicht allzu wohl zu fühlen scheint, und konzeptuell hat das fürs Kronos Quartet geschriebene Stück wenig Aufregendes zu bieten.
Ganz anders die "Music For Large Ensemble" von 1977, ein farbiges, energetisch vibrierendes Werk aus der Phase der gigantischen, meisterlichen "Music For 18 Musicians", deren Vorzüge es auf kleinem Raum darlegt. Wer nur ein einziges Werk von Reich kennen möchte: Ich würde dieses empfehlen – allerdings in der älteren Aufnahme mit Reichs eigenem Ensemble (ECM). Hier spielen die Gruppen Alarm Will Sound und Ossia eine revidierte Fassung des Stücks, und die Einspielung klingt wohl transparenter und kantiger, vielleicht auch dimensionsreicher, doch auch weniger abgerundet, ohne den fast magischen Sog von Reichs eigener Interpretation.
Die beiden Solostücke auf dieser CD kommen am besten weg: "Vermont/Tokyo Counterpoint", eine Bearbeitung einer Originalkomposition für Flötenensemble für MIDI-kontrollierte Marimbas - sie klingen durch elektronische Manipulation schlanker und nachhallärmer als normale Marimbafone -, und "Electric Guitar Phase", eine Version der 1967 entstandenen "Violin Phase" für E-Gitarren. Der künstlich-mechanische Charakter der vorwiegend auf Akkord- und Rhythmusverschiebungen konzentrierten Musik dieser beiden Werke wird durch das elektronische Instrumentarium noch auf skurrile Weise verstärkt, und besonders "Electric Guitar Phase" erhält durch den Kontrast der physisch-brachialen Klänge der verzerrten E-Gitarren mit der Askese der tatsächlich gespielten Musik äußerst surreale Qualitäten.

Thomas Schulz, 22.11.2001



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