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Wolfgang Rihm

Deus Passus - Passions-Stücke nach Lukas

Juliane Banse, Iris Vermillion, Cornelia Kallisch, Christoph Prégardien, Andreas Schmidt, Gächinger Kantorei Stuttgart, Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling

Hänssler/Naxos 4 010276 011965
(90 Min., 29.8.2000) 2 CDs, Mitschnitt der Uraufführung

Die Vergangenheit lastet doppelt schwer auf Rihms Beitrag zum letztjährigen Bach-Jubiläum und dem Kompositionsauftrag "Passion 2000", den Helmuth Rilling als Leiter der Internationalen Stuttgarter Bach-Akademie an vier Zeitgenossen vergab. Da ist zum einen - verständlicherweise - der Übervater aller Passionsmusiken: Bachs Musik erklingt mehr oder minder direkt bzw. mehr oder minder verfremdet wie ein Subtext nahezu ständig in diesen "Deus passus" genannten "Passionsstücken nach Lukas". Neben den rihmschen frei-expressiven Akkordballungen, die hier weit mehr den dunklen, verhaltenen als den explosiven Ausdrucksregionen zugehören, erklingen Bach-Zitate en masse. Mitunter wirkt die Autorität so stark, dass der Eindruck einer Anti-Bach-Passion entsteht: wie, so mag sich Rihm gefragt haben, soll man nach dem überzeitlichen Thomaskantor noch das markerschütternde Reissen des Tempelvorhangs oder auch das laute Aufschreien Jesu im Moment des Sterbens in Töne setzen? Gerade hier versagt sich Rihm das Naheliegende, effektvoll Tonmalerische und lässt die Passagen beiläufig im piano vorübergehen. Oder gibt's dafür "tiefere" Gründe?
Damit sind wir bei der zweiten Vergangenheitslast: als Deutscher, so lässt sich der 1952 geborene Wolfgang Rihm im Beiheft vernehmen, habe er nur den am wenigsten antisemitischen Lukas-Text vertonen können, niemals aber den der drei anderen Evangelisten. War Bach also mit seinen Passionen – nolens volens - ein Antisemit? Und wie ist es zu verstehen, dass auf den Text "Dies ist der Jüden König" beim Wort "Jüden" äußerst wohlklingende Bach-Akkorde gesetzt sind? Hätten Dissonanzen Rihm zum Antisemiten gemacht? Jedenfalls geht mir soviel "political correctness" - gar im musikalischen Material - zu weit.
Im übrigen liegt keine Passionsvertonung im üblichen - dramaturgisch-erzählerischen - Sinne vor: den tradierten Evangelienbericht verbindet Rihm mit mittelalterlich-lateinischen Texten der Karwoche und lässt ihn in die Vertonung von Paul Celans Gedicht "Tenebrae" ("Finsternis") münden - ein Konzept, das nicht den im Titel genannten "leidenden Gott", sondern die leidende Menschheit, die vor allem im Judenmord "geschlachtete Menschlichkeit" ins Zentrum rückt.
Man mag diese Umdeutung des biblischen Passionsgeschehens als privatreligiöse Vergegenwärtigung und "Vermenschlichung" zum "homo passus" akzeptieren oder auch nicht: die über weite Strecken in dunkle Klangfarben getauchte und in langsamen Metren gefasste Tonsprache Rihms besitzt einige suggestive Momente, als Ganzes aber wirkt sie ermüdend - trotz der mit größter Konzentration und Präzision zu Werke gehenden Ensembles und der fabelhaften Solisten, von denen Cornelia Kallischs Alt und Christoph Prégardiens Tenor am eindrücklichsten in Erinnerung bleiben.

Christoph Braun, 14.06.2001



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