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The Complete Bitches Brew Sessions

Miles Davis

Columbia Legacy/Sony AC4K 65570
(265 Min., 8/1969 - 2/1970) 4 CDs

Über das Doppelalbum, welches das Filetstück dieser Box bildet, wurden Kanister voll Tinte vergossen. Nicht nur steht es zeitlich in der Mitte der CBS-Jahre von Miles, es gilt auch als Scharnier zwischen seiner Jazz- und seiner Fusion-Phase. Zudem verkaufte sich das “Hurengebräu” besser und zügiger als jede andere Produktion von Miles Davis und war entsprechend folgenreich.
Trotzdem muss der Titel deutlich relativiert werden: So etwas wie die kompletten “Bitches-Brew”-Sessions enthielt auch schon das gleichnamige Vinylalbum - alle brauchbaren Ergebnisse jener drei Augusttage 1969 nämlich. Die weiteren Stücke (die immerhin zweieinhalb CDs füllen) entstammen bereits einem späteren Zeitraum, nämlich Mitte November bis Anfang Februar. Viel eher hätte es sich angeboten, das Proto-Fusion-Werk “In A Silent Way” in diese Kollektion einzuschließen, denn “Pharaoh’s Dance” (das Eröffnungsstück von “Bitches”) könnte vom Höreindruck her ebensogut eine Aufnahme vom Februar ’69 sein.
Man sieht schon: Grenzen sind innerhalb einer Periode, in der sich Davis’ Musik mehr im Fluß befand als jemals zuvor, schwer zu ziehen, und editorische Entscheidungen kamen schon damals Willkürakten gleich. Zu begrüßen bleibt es daher allemal, dass so viele Aufnahmen entstanden, die nun auch endlich komplett vorliegen - bis hin zu Fragmenten und Probenmitschnitten, die die Arbeitsweise des Milesschen Ethno-Improvisations-Ensembles dokumentieren; eine Jazzcombo war dieser vom Leader mühsam disziplinierte Haufen ehemaliger Kollegen und künftiger Stars schon länger nicht mehr.
Wie die Besetzungslisten franst diese freiheitstrunkene Musik auch formal zusehends aus: Die abstrakt-ziellosen, an Informel-Malerei oder pflanzliche Organismen erinnernden Klanggebilde sprechen jeglicher Songstruktur Hohn und überforderten damals selbst die Rockhörer, die endlose Improvisationen nur so lange goutierten, wie das Bluesschema oder ein rhythmisches Motiv erkennbar blieben. Solche gibt es auch hier; sie bilden eine Art formales Gerüst um die übrigen Abläufe. Und tatsächlich war noch nie so klar zu verfolgen, wieviel in dieser völlig unvergleichlichen Musik vor sich geht. Fünfundsiebzig Minuten Weitverstreutes und neunzig Minuten gänzlich Unerhörtes - darunter wahre Trouvaillen - gibt es als Zuwaage.

Mátyás Kiss, 31.05.1998



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