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The Complete Columbia Studio Recordings

Miles Davis, Gil Evans

Columbia/Sony 7464-67397-2
6 CDs

Der Trompeter Miles Davis und der Arrangeur Gil Evans schufen gemeinsam einige der ehrgeizigsten und schönsten Werke des Jazz. Eigentlich eine gute Idee, sie zu bündeln und angemessen zu präsentieren. Allein „Miles Ahead“ mit allen Vorstudien und Varianten füllt nunmehr fast drei CDs. (Gewissensfrage: Wer hört sich Probenmitschnitte voller falscher Töne und verpatzter Einsätze mehr als einmal an?) Eine wie hier allzu opulent angelegte Edition einer Werkgruppe kann leider auch den paradoxen Effekt haben, dass Meisterwerke wie „Porgy and Bess“ und „Sketches Of Spain“ zwischen überflüssigem Nippes beinahe verschwinden, während sie eigentlich zu Genuss und genauerem Studium einladen sollten.
Die erwähnten drei Aufnahmen sind schließlich Musterbeispiele gelungener „Third Stream Music“ (nach den beiden ersten Strömungen Klassik und Jazz), die dank unvergesslicher Melodien und klarer Rhythmik auf Anhieb überzeugt. Und Gil Evans sorgt mit seinem Sinn für dynamische Abstufungen und einem breiten Spektrum dunkel abgetönter, fein ziselierter Klangfarben für so viel Abwechslung, dass man ihrer nicht so schnell müde wird.
Und dann ist da natürlich Miles Davis. Mit „Miles Ahead“ (1957) nimmt er den seit „Birth Of The Cool“ (wo Evans auch schon maßgeblich beteiligt war) fallengelassenen Faden wieder auf, macht als Porgy und Bess (1958) in Personalunion Gershwins Opernsänger überflüssig und beschwört schließlich in „Sketches Of Spain“ (1959) rein instrumental die archaische Flamenco-Sängerin La Niña de los Peines herauf. Seine Version des Adagios aus Rodrigos „Concierto de Aranjuez“ kommt dem berühmten Gitarrenkonzert an Klangfantasie gleich und übertrifft es an emotionalem Tiefgang um Längen. Ein unbedingter Ausdruckswille macht dabei Davis’ beschränkte Mittel vergessen.
Weil das Freundespaar Davis/Evans Trends setzte, hatte es wenig Begabung dafür, Moden hinterherzulaufen. Verständlich, dass es einen halbherzigen Versuch, im Kielwasser Stan Getz’ das Bossa-Nova-Boot zu entern, nicht weiterverfolgte. Die Fragmente aus „Quiet Nights“ verblieben ebenso wie die lange gesuchten Fundstücke „Time Of The Barracudas“ und „Falling Water“ im Stadium nicht weiter ausgeführter Orchesterskizzen. Ohnehin war Miles inzwischen mit seinem neuen Quintett (Shorter, Hancock, Williams, Carter) wunschlos glücklich.
Hoffen wir, dass bald eine abgespeckte „Volksausgabe“ der Mastertakes auf Einzel-CDs diesen Schuber ablöst, der äußerst umständlich zu handhaben ist. Recht irdische Einwände, wo doch die musikalische Partnerschaft zwischen Davis und Evans – wie die Amerikaner sagen würden – eine Ehe war, die im Himmel geschlossen wurde.

Mátyás Kiss, 31.12.1996



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