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75th Birthday Celebration

Miles Davis

Prestige/ZYY 60058-2
(1951 - 1956) 3 CDs

Die erste Hälfte der Fünfziger war für Miles eine schwierige Zeit: Obwohl der Mittzwanziger soeben die später als "Birth Of The Cool" in die Jazzgeschichte eingegangene Aufnahmeserie für Capitol abgeschlossen hatte, waren die Reaktionen eher lau gewesen. Da kam es Miles gelegen, dass es in der Branche zwei Männer gab, die weiterhin an ihn glaubten: Alfred Lion von Blue Note und Bob Weinstock vom eben aus der Taufe gehobenen Independent-Label Prestige.
Eine repräsentative Auswahl der Prestige-Aufnahmen bietet ein 3-CD-Set, das RONDO-Autor Marcus A. Woelfle kompetent zusammengestellt und ausführlich kommentiert hat. Da fast alle Bebopper in ständiger Geldnot waren, sagten sie gern zu, wenn Weinstock sie rief - und daher fehlt so gut wie kein bedeutender Name dieser Richtung: Parker, Rollins, Johnson, Silver, Mingus, Pettiford, Blakey, Roach - alle und noch einige mehr sind mit bedeutenden Beiträgen präsent. Hervorgehoben seien nur der Hardbop-Meilenstein "Walkin'" (von der gleichnamigen LP mit dem Ampeldesign) und die gleichfalls 1954 aufgenommene Weihnachts-Session mit den "Modern Jazz Giants" (Milt Jackson, Thelonious Monk, Percy Heath, Kenny Clarke), von der immerhin eine halbe Stunde Eingang in die Kollektion fand.
Im Juli 1955 trat Miles Davis, damals im öffentlichen Bewusstsein kaum mehr als eine fast schon wieder vergessene Trompeten-Hoffnung, auf dem Jazzfestival von Newport auf. Sein Solo über "Round About Midnight" machte den ehemaligen Begleiter Charlie Parkers, der bis dahin mehr mit Drogenproblemen als mit seiner Karriere beschäftigt gewesen war, über Nacht zum Star. Von der mächtigen Columbia erreichte ihn daraufhin ein Angebot, das er kaum ablehnen konnte. Doch er war vertraglich weiterhin an Prestige gebunden: Dem Label schuldete er noch weitere vier Langspielplatten.
So nahm das Miles-Davis-Quintett parallel zu den ersten Einspielungen für Columbia auch eine berühmt gewordene Serie von 24 Titeln auf - an nur zwei Tagen im Mai und Oktober 1956, und zwar unter Quasi-Live-Bedingungen. Da die Gruppe mit John Coltrane, Red Garland, Paul Chambers und Philly Joe Jones ideal besetzt und blendend eingespielt war, entstand dabei zeitlos melodiöser, durchgehend inspirierter Hardbop, der nun die dritte CD dieser Edition füllt.
Auch nach bald fünfzig Jahren bezieht dieser seine Spannung aus dem Kontrast zwischen der mit Tönen geizenden Melancholie von Miles' gestopfter Trompete und den Tonkaskaden aus Coltranes Tenorsax, die den Hörer ungeduldig überwältigen. "Es gab eine Zeit, da hatte ich drei Saxofonisten", erinnerte sich der lakonische Miles an seine Zusammenarbeit mit Coltrane, den Mann der Fülle.
Beide Solisten konnten außerdem auf eine der mitreißendsten Rhythmusgruppen aller Zeiten zurückgreifen. Sein Pianist Red Garland musste sich wegen Cocktail-Piano-Verdachts zwar einige gehässige Bemerkungen gefallen lassen, aber Paul Chambers avancierte binnen kurzem zu einem stilbildenden Bassisten. Und über den Schlagzeuger schrieb Miles anerkennend in seiner Autobiografie: "Von mir aus hätte Philly Joe Jones in Unterhosen und einarmig auf die Bühne kommen können - solange er nur da war".
Die in einem Zeitraum von fünf Jahren veröffentlichten Alben "Relaxin'", "Workin'", "Steamin'" und "Cookin'" beeinflussten Generationen von Fans und Musikern und setzten den Maßstab für entspannt swingenden Combojazz. Den wird man sich nach diesen Appetithappen eher früher als später vollständig zulegen wollen.

Mátyás Kiss, 17.05.2001



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