Der Chor des New College Oxford ist stolz: Ausschließlich mit eigenen vokalen Kräften hat er diese Einspielung gestemmt: von den Solisten, die allesamt Mitglieder des bedeutenden Knabenchors sind oder waren, bis hin zu den Chorknaben. Letztere singen noch heute regelmäßig die Liturgie der zum College gehörenden Kapelle. Alle Sänger wuchsen also in einer Umgebung auf, die Bachs Lebenswelt mit ihrer engen Verbundenheit von Ausbildung, musikalischer Praxis und Gottesdienst durchaus ähnelt. Und dieser Geist ist es auch, der der Aufnahme ihre authentisch wirkende Glaubwürdigkeit verleiht. Eine exzellente Figur macht James Gilchrist als Evangelist - klar, akzentfrei, hoch emotional und trotzdem kontrolliert. Zusammen mit dem noch immer nicht die Spur abgesungenen Countertenor James Bowman vermittelt er eine Vorstellung davon, wie man zu Bachs Zeiten Glaubensinhalte spannend und dabei dennoch vollkommen ernsthaft zu vermitteln wusste. Der Chor folgt ihnen mit disziplinierter Artikulation und jenem Anteil an unreflektiert kindlichem Glaubenseifer, der sich mit noch so leidenschaftlichen, professionellen Erwachsenenchören selten vermitteln lässt. Was die Besetzung besonders des solistischen Soprans anbelangt, sind Knabenstimmen dennoch ein Kompromiss: schließlich setzte zu Bachs Zeiten der Stimmbruch später ein, so dass es auch gut qualifizierten jungen Solisten an der letzten Erfahrung für die anspruchsvollen Partien mangeln muss. Leider relativieren auch die etwas röhrenden Basspartien, das nur routinierte Orchester und die nicht allzu brillante Aufnahmetechnik die letztlich immer noch beeindruckende Wirkung des Unternehmens.

Carsten Niemann, 01.12.1999



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