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Wolfgang Rihm

Jagden und Formen

Dominique My, Ensemble Modern

Deutsche Grammophon 471 558-2
(51 Min., 8/2001) 1 CD

Einmal laut in die Hände geklatscht, und schon geht sie los, die wilde Jagd. Was Wolfgang Rihm in dieses Dauer-Furioso hineingepackt hat, gehört zum Spannendsten, Aufregendsten, was die Musik der letzten Jahre zu bieten hat. Mit den Solostreichern geht es los, allmählich treten Bläser und Schlagwerk hinzu, unterstützt von Harfe, Klavier, Gitarre und E-Bass - ein Spannungsbogen überhöht den nächsten, frenetische Tutti scheinen Höhepunkte zu markieren, nur um von noch intensiveren Klang- und Bewegungsballungen sogleich in den Schatten gestellt zu werden.
Gelegentlich gibt es Ruhepunkte - eigentlich eher kleine Inseln angespannter Stille, in denen Kräfte gesammelt werden für den nächsten Orkan. Und niemals droht das permanente Gewusel des Ensembles in Beliebigkeit umzuschlagen, niemals ermüdet das Material und schon gar nicht der Hörer. Es erfordert Mut, ein fünfzigminütiges Werk mit fast durchgehend schneller Musik zu präsentieren - und Genie, diese Musik vom ersten bis zum letzten Takt mit solch prallem Leben zu erfüllen.
"Jagden und Formen" beschäftigte Rihm seit Mitte der neunziger Jahre, bis das Werk 2001 seinen - endültigen? - Abschluss fand. Mehrere Einzelkompositionen haben in das Stück Eingang gefunden - zum Beispiel "Gejagte Form" (siehe Rezension), und sie wurden, wie bei Rihm seit einiger Zeit üblich, modifiziert, kombiniert, transformiert, in einer Art "Übermalungstechnik" immer wieder neu übereinandergeschichtet.
Trotzdem wirkt das Stück wie aus einem Guss, typisch für den im Vergleich zu seinen stark blockhaft konzipierten Werken der achtziger Jahre fließender und homogener anmutenden Kompositionsstil Rihms. Angesichts dieser geballten Energie verlieren ideologisch besetzte Begriffe wie Moderne oder Postmoderne jegliche Bedeutung - ein untrügliches Zeichen dafür, dass es sich um wertvolle, bleibende Musik handelt.

Thomas Schulz, 25.04.2002



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