Kein noch so modernes, fantastisches, absurdes Theater hat je die finale Doppelvolte des "Grafen Ory" überboten: zuerst die erotische Verführung im Dreieck (bei höchst zweifelhafter Identität und Zuordnung der Trio-Partner), dann die sang- und klanglose Flucht der maskierten Schürzenjäger. Das Schönste an der Schlusspointe ist nach über zwei Stunden Spieldauer, dass es gar keine Pointe gibt.
Italien hat dieser französischen Verkleidungs- und Täuschungskomödie stets andere Filetstücke aus Rossinis Œuvre vorgezogen. Jetzt aber scheint der "Graf Ory" auch in der Heimat des Komponisten angekommen zu sein, der Publikumsjubel lässt es auf dem Mitschnitt des Rossini Festival, Pesaro 2003, zu den Aktschlüssen vermuten. Die Aufführung ist gehörig auf strammes Tempo, Elan und Brillanz getrimmt, und Juan Diego Flórez in der Titelpartie schießt so helltönig wie geschmeidig seine tenoralen Glanzlichter ab. Weniger profitiert die Ensembleleistung von der unscharf egalisierten Klangabbildung der Aufnahmetechnik.
Der CD-Hörer darf sich getrost mitreißen lassen - er darf nur nicht so leichtsinnig sein, den von Vittorio Gui dirigierten Mono-Klassiker von 1956 dagegen zu halten, Dokument einer gloriosen Glyndebourne-Produktion, die damals die Rossiniwelt in lauter Ory-Süchtige verwandelte. Dann merkt man, dass Flórez, bei aller stupenden Anstrengungslosigkeit, Intonations- und Treffsicherheit, den hellen Ton manchmal zu einer grellen Explosion macht, dass er, anders als Juan Oncina unter Gui, die stilistische Geschlossenheit und das Blaubart-Profil seiner Rolle gern der vokalen Selbstverliebtheit aufopfert. López-Cobos ist ein gewissenhafter Konditionstrainer seines Ensembles, aber er will nichts wissen vom Sog des Timings, von der spannenden und entspannenden Verführung wechselnder Gangarten, von der belebenden Wirkung des Atmens. Dem Orchester, den einzelnen Instrumenten fehlt der überredende Gestus, die beschwörende Eindringlichkeit. Die Veranstaltung beherrscht den Witz nur rhetorisch, aber sie versteht die Pointe nicht.

Karl Dietrich Gräwe, 28.08.2004



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