Responsive image
Johann Sebastian Bach

Leipziger Weihnachtskantaten

Dorothee Mields, Carolyn Sampson, Ingeborg Danz, Mark Padmore, Peter Kooy, Sebastian Noack, Philippe Herreweghe

harmonie mundi/helikon HMC 801781.82
(117 Min., 12/2002) 2 CDs

Wie viele Leipziger Kirchgänger im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts haben wohl bemerkt, was für ein einzigartiges Genie dieser strenge, manchmal unbequeme Thomaskantor Bach war, und wie unvorstellbar hoch seine Musik in ferner Zukunft einmal geschätzt werden sollte? Zu seinem ersten Leipziger Weihnachten bescherte Bach den Leipzigern mit dem Magnificat und der Kantate “Christen, ätzet diesen Tag” BWV 63 zwei überaus prachtvolle Festmusiken; im folgenden Jahr machte er sie zu Zeugen einer aberwitzigen kompositorischen Tour de force: Der zweite Leipziger Kantatenjahrgang bietet eine Reihe von Choralkantaten, die jeweils ein bekanntes Kirchenlied nach allen Regeln der Kunst musikalisch ausdeuten, und dies auf ganz unterschiedliche Weise: "Gelobet seist du, Jesu Christ" BWV 91 beginnt etwa mit einem prachtvollen vokal-instrumentalen Concerto-Satz, "Christum wir sollen loben schon" BWV 121 wird durch eine polyphone Komposition im Alten Stil eingeleitet; beide Sätze haben den jeweiligen Choral als Cantus firmus zum Zentrum. Bachs Musik ist außerdem auf einfallsreichste Weise Klang gewordene Theologie: BWV 91 thematisiert im Sinne einer Antizipation schon zu Weihnacht auch die Passion des neugeborenen Erlösers, und so erscheint im zweiten Satz, einen Sopran-Rezitativ, der Choral zeilenweise als Instrumentalbass, womit wohl seine Ankunft auf der Erde in armseliger menschlicher Gestalt versinnbildlicht wird. Später, im Duett zwischen Sopran und Alt, wird eben diese Armut aufs Zarteste besungen, während die Instrumente gleichzeitig mittels scharfer Punktierungen schon das Martyrium der Geißelung erahnen lassen.
Philippe Herreweghe hat die genannten und weitere Weihnachtsmusiken der Jahre 1723 und 1724 mit seinen bewährten Kräften hervorragend eingespielt; seine Bachinterpretation gewinnt von CD zu CD an Eleganz und Eloquenz. Unter den Solisten erfreuen besonders die ätherisch-leichtfüßige Dorothee Mields (neuerdings Blotzky-Mields) - bei wem außer bei Emma Kirkby war Singen jemals so mühelos? -, Carolyn Sampson und Ingeborg Danz. Wieder besser drauf als in mancher vergangener Aufnahme zeigt sich außerdem Peter Kooy.

Michael Wersin, 01.12.1999



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Zwei geniale Geiger auf einer CD vereint, die die Welt der Klassik und die des Jazz miteinander verbinden, als wäre es das natürlichste der Welt. Einfach toll! Stéphane Grappelli, der französische Geigenvirtuose, weitgehend Autodidakt, aber übersprudelnd vor musikalischen Ideen traf 1973 erstmals auf den acht Jahre jüngeren Yehudi Menuhin, ehemals Wunderkind und damals längst Geigen-Legende. Grappelli hatte mit dem Quintette du Hot Club de France die Clubs aufgemischt, Menuhin die […] mehr »


Top