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Johann Sebastian Bach

Das Wohltemperierte Klavier (Band I)

Till Fellner

ECM/Universal 476 048-2
(116 Min., 09/2002) 2 CDs

Trägt der Mann Handschuhe? Vermuten könnte man es angesichts der Art und Weise, wie Till Fellner sich durch manche Präludien und Fugen im ersten Buch des Wohltemperierten Klaviers förmlich hindurchstreichelt. Ein leiser Pianist, ein nachdenklicher dazu, ist hier am Werk, fast möchte man sagen: ein Diener der göttlichen Materie, ein Diener Bachs. Denn zu keiner Sekunde stellt dieser sich in den Vordergrund, nie ist die klingende Kunst durch den Interpreten verdeckt. Fellner übt, wo und wie er nur kann, noble Zurückhaltung, er stellt das Werk nur vor. Wobei das "nur" kein Makel ist. Sondern Ausdruck eines tief empfundenen musikalischen Verständnisses.
Vergegenwärtigt man sich etwa die zum Teil aufregende, zum Teil verrückte Aufnahme des Wohltemperierten Klaviers eines Friedrich Gulda, so wird vor allem ein zentraler Unterschied deutlich: Fellner will kein Zeichen setzen. Sein Bestreben ist es nicht, sein Können zu dokumentieren, sondern die Bach'sche Stimmführungskunst in ihrem Kern zu erfassen. In diesem Sinne ist er ein Strukturalist. Oder auch ein handwerklich profunder Künstler, der sich durch das Werk arbeitet wie ein Architekt, der am Zeichentisch in Gedanken ein zu bauendes Haus durchschreitet und schaut, wo die tragenden Wände sind, die Ecken und die fließenden Formen, die versteckten Nebenpfade, die Schnittstellen. Das ist nicht aufregend, aber anregend. Es ist besinnlich. Und allemal anhörenswert.

Jürgen Otten, 01.01.1970



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