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Georg Philipp Telemann

Trauer-Actus (Kantaten)

Cantus Cölln, Konrad Junghänel

HMF/Harmonia Mundi HMC 901768
(80 Min., 11/2001)

"Nächst der Liebe muss einer, der die Traurigkeit im Klange wohl vorstellen will, selbige viel mehr als die übrigen Leidenschaften fühlen und empfinden. Die Ursache ist, dass traurig sein und verliebt sein zwei ganz nahe mit einander verwandte Dinge sind." Wohl wahr, was Telemanns Kollege Mattheson da sagt.
Die Sänger von Cantus Cölln, das hört man deutlich, haben sich in diese frühen Kantaten um Tod und Abschied verliebt. Nur so konnte es ihnen gelingen, diese fragilen Stücke als die Meisterwerke zu präsentieren, die sie sind. Dabei begegnen wir dem weitgehend unbekannten Telemann der frühen Hildesheimer und Leipziger Studienjahre (1697-1705): Der entfernte sich von der melodischen Strenge und reihenden Form des geistlichen Konzertes des 17. Jahrhunderts, um vorsichtig mit geschlossenen Arienformen und ausgebreiteten Affekten zu experimentieren. Er tat das mit großer Sicherheit: Mit seinem Einfallsreichtum des rhetorischen Details, mit seinem melodischen Charme und seiner geistreichen Instrumentation wirken die Werke weniger als Versuche denn als glanzvolle Höhepunkte einer bei Schütz beginnenden Tradition.
Doch dieser Eindruck ist ebenso Cantus Cölln zu verdanken: Weil sich das Ensemble seit seiner Gründung mit der ganz spezifischen deutschen Tradition von Madrigal und geistlichem Konzert des 17. Jahrhunderts befasst hat, nähert es sich der Musik von der historisch "richtigen Seite": Träger des Geschehens ist der subtil ausgedeutete gemeinsame Tuttiklang, aus dem die Soli unaufdringlich bis zu Arienlänge herauswachsen.
Bei aller noblen Distanz voraufklärerischer Glaubensverkündung, welche den musikalischen Satz trägt, lassen die Sänger bereits einen wohl dosierten "privaten" Ton mit in die Interpretation einfließen: Es sind Klagen und Seufzer der Art, wie sie Telemann nur wenige Jahre später in einem ungewöhnlich persönlich gehaltenen Gedicht auf den Tod seiner ersten Frau beschwor. Als er die Kantaten schrieb, lebte sie noch. In die Musik ihres Mannes, der so schön trauern konnte, können wir uns dank Cantus Cölln heute wieder frisch verlieben.

Carsten Niemann, 05.09.2002



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