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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Robert Schumann, Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy

Sinfonien Nr. 4, Die schöne Melusine

Berliner Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt

Teldec/Warner Classics 4509-94543-2
(76 Min.) 1 CD

Das Gravitationsfeld, um das diese drei musikalischen Planeten kreisen, heißt Ludwig van Beethoven. Mendelssohns hocherregte "Ouvertüre" entsprang der Auseinandersetzung mit dem Titanen ebenso wie Schuberts Vierte Sinfonie, die vielleicht nicht, wie der später angeklebte Untertitel meint, eine "tragische" ist, wohl aber eine dramatisch zugespitzte in "beethovenischer" Tonart. Vor allem aber Schumanns Vierte ringt mit dem großen Vorbild; ihre vier Sätze fügen sich - zumindest in der zweiten Fassung, die Harnoncourt hier wählte - zu einem einzigen weitausholenden, strahlend-kraftvollen Sonatenhauptsatz. Die Erstfassung der Vierten hat Harnoncourt mit dem Europäischen Kammerorchester bereits eingespielt, nun lässt er sich zitieren mit dem Satz: "Es war von vornherein in meinem Konzept, daß ich beide Fassungen nebeneinander stellen will."
Harnoncourt hat die beiden Fassungen - das ist vielleicht das größte Wunder dieser Einspielung - einander angenähert: Ist die Urfassung intimer, kammermusikalischer, auch schweifender, hat die Zweitversion konzentrierteren sinfonischen Atem, größere orchestrale Pracht. Aber Harnoncourt reduziert den Berliner Streicherapparat auf ein bares Minimum - und schafft so die Voraussetzung nicht nur für einen "kammermusikalischen" Klang (bei aller Orchesterpracht), sondern auch für eine geradezu beispielhafte Transparenz des Stimmengewebes.
Und, o Wunder: Der in Granit gehauene und erst in jüngster Zeit langsam bröckelnde Vorwurf, Schumann habe nicht instrumentieren können, löst sich angesichts dieser Interpretation in nichts auf. Durchsichtiger geht´s nicht: zarteste Bläserstimmen weben sich klar und unmissverständlich ins Gesamtklangbild, "Wischfiguren", etwa der Celli und Kontrabässe, bekommen Bedeutung durch die unaufdringliche Präzision, mit der die Berliner eben nicht "wischen", sondern exakt spielen. Das geht auch deshalb, weil Harnoncourt sogar Schumanns Metronomangaben ernst nimmt (die Wiederholungszeichen sowieso). Und ergo ist das Fazit dieser Aufnahme: Man muss bei Schumann nicht, wie´s so lange und so ausgiebig gemacht wurde, an der Partitur herumdoktern - man muss nur machen, was in den Noten steht ...
Dass die vorzügliche Aufnahmetechnik dabei hilft, soll Harnoncourts und der Berliner Philharmoniker Verdienst ebensowenig schmälern wie die Tatsache, dass auch der Mendelssohn und die Schubert-Sinfonie fabelhaft genau und bewegt/bewegend gespielt werden. Dennoch bleibt das Herz dieser Live-Aufnahme Schumanns Vierte.

Thomas Rübenacker, 28.02.1996



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