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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



Das schier Unglaubliche an dieser CD: Sie ist das Dokument der Uraufführung von Robert Schumanns Violinkonzert, jedenfalls in seiner Originalfassung, zirka neunzig Jahre, nachdem es komponiert wurde. Schumanns Wahlverwandte mochten das Stück nicht. Clara, seine Frau, und Johannes Brahms, sein Freund, wollten es der Nachwelt ganz vorenthalten; Joseph Joachim, der Geiger, auch ein enger Freund, milderte das Todesurteil ab in hundert Jahre Einzelhaft - so lange nach Schumanns Tod sollte das Violinkonzert in der Schublade bleiben.
Aber die Zeit scheren oft nicht die Urteile von gestern: Das Werk wurde gesucht und gefunden, bevor die hundert Jahre abgelaufen waren. Die damals regierenden Nazis machten ein Fest aus der Uraufführung, schließlich war Schumann "Arier", aber hundert andere Köche (darunter Hindemith) spuckten in den Brei und verdarben ihn. Der Jude Menuhin, damals noch ein Twen, führte die Originalfassung in New York urauf - und bannte sie kurz danach auf Platte, mit der ihm damals eigenen Süße, Agilität und Emphase. Vielleicht nicht alles, was in dem zugegeben problematischen Werk steckt, aber für den Anfang ganz wunderbar (zumal der große Barbirolli begleitete).
Auch das zweite Werk auf dieser CD ist ein von den Interpreten nicht sonderlich geliebtes, daher selten zu hörendes: Dvoráks ebenfalls einziges Violinkonzert. Seltsam, denn der Komponist war selber Geiger! Jedenfalls, Menuhin hat diese beiden Konzerte nie wieder eingespielt, aber zumindest den Schumann scheint er zeitweise geliebt zu haben. Er klingt viel besser, viel motivierter als der Dvorák. Was Menuhin und sein alter Lehrer Enescu mit dem Tschechen machen (und das damals drittklassige Pariser Orchester), grenzt an Rufmord. Natürlich spielt Menuhin nicht schlecht, das ist er seinen Fans schuldig; aber dass er dem Komponisten etwas schuldig wäre, merkt man nicht. So hat diese CD wie der antike Gott Janus zwei Gesichter: Mit demselben Solisten und seinen Fähigkeiten tut sie Schumann einen guten Dienst, Dvorak nicht.

Thomas Rübenacker, 19.09.2002



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