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N° 1220
25.09. - 01.10.2021

nächste Aktualisierung
am 02.10.2021



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Robert Schumann

Dichterliebe op. 48, Liederkreis op. 39

Werner Güra, Jan Schultsz

Harmonia Mundi HMC 901766
(56 Min., 10/2001) 1 CD

Schumanns Dichterliebe: Der erfahrenere Kunstlied-Hörer denkt hier zunächst an die schon legendären Einspielungen Fritz Wunderlichs und Dietrich Fischer-Dieskaus, vor allem an die Life-Mitschnitte von Salzburger Liederabenden (beide erschienen bei Orfeo), die mit ihren diametral entgegengesetzten Interpretations-Intentionen den Kosmos dieses Liederzyklus' von zwei Seiten her erschließen: Wunderlich mit (hart erarbeiteter) Unmittelbarkeit des Ausdrucks im vollen Vertrauen auf Schumanns Lesart der vielschichtigen Heine-Texte, Fischer-Dieskau stark vom Wort herkommend mit feinem Gespür für die Spannungen zwischen Heine und Schumann.
Lange Zeit wirkten diese einzigartigen Interpretationen fast paralysierend, es gab kaum etwas entgegenzusetzen; man suchte vergeblich nach ähnlich überzeugenden Aufnahmen. Mittlerweile jedoch macht sich eine neue Sängergeneration auf den Weg zu einer eigenständigen interpretatorischen Sprache. Im Fall von Werner Güra drückt sich das aus in einer schlankeren, nüchterneren Stimmgebung (geschult an der Beschäftigung mit Alter Musik) und, im Zusammenhang damit, im sehr direkten Zugriff auf die einzelnen Lieder: Die sprachliche Ebene wird nirgends forciert vermittelt, sondern nimmt durch gute Artikulation, natürlichen Fluss und differenziert-behutsame Akzentuierung ganz selbstverständlich ihren Platz im Gesamtgeschehen ein. Der Gesang hält stets die Balance zwischen texttragender Funktion und Schönklang, ohne dass auf diesem schwierigen Terrain Konflikte hörbar würden. Freilich, gewaltige interpretatorische Risiken oder Wagnisse geht Güra auf diese Weise nicht ein, aber es begeistert andererseits doch die gesunde Mischung aus Objektivität und Subjektivität, mit der er sich den Liedern nähert. Jan Schultsz begeleitet ihn - auf einem klanglich zu den beschriebenen Gesichtspunkten sehr gut passenden Bechstein-Flügel - und hütet sich dabei ebenfalls vor allzu großer Süße und Klangzauberei, setzt dafür aber wohl dosierte, strukturell erhellende agogische und dynamische Akzente.
Die eingangs erwähnten älteren Aufnahmen werden durch diese CD keinesfalls realtiviert oder gar abgelöst - Fischer-Dieskau und Wunderlich waren Monolithen des Liedgesangs, deren Leistungen nicht so schnell vergehen. Aber Güra und Schultsz lassen auf einen Fortbestand des Liedgesangs auf hohem Niveau hoffen, abseits jedes Epigonentums, auf der Suche nach neuen Wegen der Durchdringung und Vermittlung des vertrauten Repertoires.

Michael Wersin, 01.02.2003



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