Der Toscanini-Biograf Harvey Sachs äußerst im Beihefttext dieser 1950 entstandenen "Falstaff"-Aufnahme, sie sei wohl "eine der größten Opernschallplatten aller Zeiten". Jürgen Kesting hingegen klagt in seinem Almanach "Die großen Sänger", in Toscaninis Opernaufnahmen gebe es "eklatante Mängel durch sängerische Fehlleistungen", und seine Opernaufnahmen wirkten wie "ein emphatisch-verzweifelter Kampf gegen die berüchtigte Furie des Verschwindens". Wo zwischen diesen Extremen liegt die Wahrheit?
Keine andere Oper hat Toscanini so oft dirigiert wie den "Falstaff"; als junger Mann hatte er Gelegenheit, sich mit Verdi selbst über Fragen der Interpretation des Werks auszutauschen. Die Frucht dieser reichen Erfahrung und die harte, Monate vor der Produktion begonnene Probenarbeit ist eine über weite Strecken schöne, liebevoll gestaltete Version der genialen Spätschöpfung Verdis.
Zum Vergleich bieten sich zwei weitere Aufnahmen an: Karajans legendäre Einspielung von 1956 und eine kürzlich beim Label Preiser erschienene italienische Rundfunkproduktion von 1949 unter der Leitung von Mario Rossi. Mit dem jungen Giuseppe Taddei, der unter Rossi den Falstaff zelebriert, können es weder Karajans Tito Gobbi noch Toscaninis Giuseppe Valdengo auch nur annähernd aufnehmen: Zu kraftvoll und wohltönend ist Taddeis Stimme. Valdengo lässt gleich in der ersten Szene viele Wünsche offen, denn seine Tiefe ist matt und rau, und in der Höhe verfügt nicht zuverlässig genug über die nötige Strahlkraft. Deutlich wird dies auch im zweiten Akt bei seiner großen Szene mit Frank Guarrara als Ford, der ihm an stimmlicher Präsenz oft deutlich überlegen ist. Aber auch Guarrara verblasst etwas neben Saturno Meletti, dem Ford Rossis.
Zu den großartigen Erlebnissen der Toscanini-Aufnahme gehört die junge Teresa Stich-Randall als Nanetta. Ihr würde man in der bezaubernden nächtlichen Turtel-Szene Luigi Alva, den Fenton der Karajan-Aufnahme, als Partner wünschen. Das umtriebige Damen-Quartett als Ganzes hingegen ist in der Rossi-Aufnahme unübertrefflich: Die vier Italienerinnen, die mit ihren beeindruckend metallischen Stimmen nicht geizen, sind von atemberaubender, grotesker Komik.
Bezüglich der Brillanz des Orchesters setzte Karajan Maßstäbe, die in keiner der beiden anderen Aufnahmen erreicht wurden. Hier befriedigt vor allem Toscanini nicht: Von ihm und seinem NBC-Orchester hätte ich mehr Klangkultur und Präzision erwartet.

Michael Wersin, 15.06.2000



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