Universal macht sich selbst Konkurrenz: Innerhalb kürzester Zeit erschienen unter demselben Dach zwei Neueinspielungen von Giuseppe Verdis "Falstaff". John Eliot Gardiner bot mit seiner auf historischen Instrumenten gespielten Version (Philips – siehe Rezension) eine teils faszinierende neue Sicht auf den Orchesterpart, Claudio Abbado hingegen glänzt mit dem lang in der Titelpartie dieser Oper ersehnten Waliser Bryn Terfel.
Mir fällt die Wahl nicht schwer: Abbado hatte, insgesamt gesehen, die deutlich besseren Sänger; hinzu kommt, dass er durch seine Orchesterbehandlung den Sängern mehr interpretatorischen Spielraum lässt, den diese an vielen Stellen auch in glücklicher Weise zu nutzen verstehen. Gardiners Vokalisten ertrinken dagegen oft im Klang des Orchesters, das mitten auf der Bühne platziert war, in der Absicht, die enge Verflechtung der Handlung mit dem instrumentalen Geschehen besser hörbar zu machen.
Gegen Bryn Terfel in der Rolle des feisten Sir John bleibt Jean-Philippe Lafont in der Konkurrenzeinspielung stimmlich und auch darstellerisch blass. Allein der Vergleich des "L'onore"-Monologs veranschaulicht dies mit aller Deutlichkeit. Terfel kann hier atemberaubend virtuos außer sich geraten, weil er die stimmlichen Mittel dazu hat; er muss die Hauptfigur der Oper nicht zum buffonesken Hanswurst machen, sondern kann ihn Mann sein lassen, ohne die finale Blamage schon am Anfang in sich zu tragen.
Erfreulich an Abbados Aufnahme ist auch, dass sich in der Rolle des Ford Thomas Hampson zurückmeldet: Er wirkte in seinen letzten Aufnahmen oft stimmlich abgespannt, nun ist er wieder voll da. Adrianne Pieczonka (Alice Ford) und Dorothea Röschmann (Nanetta) sind zwei weitere Glücksgriffe, die das Ohr des Hörers erfreuen. Dennoch: Wer glaubt, mit dieser Aufnahme stimmlich schon das Optimum vor sich zu haben, der sei auf die historische RAI-Aufnahme von 1949, soeben wieder in ansprechender Aufmachung erschienen (Warner Fonit), verwiesen: Der junge Giuseppe Taddei bleibt als Falstaff unübertroffen, und auch Saturno Melettis Ford sucht nach wie vor Seinesgleichen.

Michael Wersin, 26.07.2001



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