So wichtig es ist, Verdi vom Ruf des lärmenden Gassenhauers zu befreien (wie dies jüngst Harnoncourt mit einer feinnervigen "Aida" tat - siehe Rezension), so falsch, weil einseitig, scheint mir das andere Extrem, den "Troubadour" zu einem Nocturne zu stilisieren, wie Riccardo Muti dies im Beiheft zu dieser Scala-Produktion tut.
Löblich ist Mutis durch die neue kritische Chikagoer Edition der Partitur gestützte Aufdeckung bislang ignorierter Piano-Vorschriften; und zweifelsohne spielen in diesem Werk nächtliche Stimmungen, dunkle Erinnerungen und Todesahnungen eine große Rolle. Aber darüber sollte man doch - Gassenhauer hin oder her - die hinreissenden Nummern nicht vergessen, die die exzessiven Eifersuchts- und Rachegelüste der Protagonisten oder auch das lautstarke Soldatengetöse beschwören; sie durchziehen immerhin geradezu prototypisch diese Dreiecksgeschichte zwischen Leonora und ihren beiden Verehrern, dem "guten" Manrico und dem "bösen" Grafen Luna - politischen Feinden und unerkannten Brüdern.
Jedenfalls sollte jene "dunkle" Sicht der Dinge nicht zu einer "Weichzeichnerei" verführen, der Muti über weite Strecken verfällt. Zwar wählt er mitunter recht flotteTempi, ein scharf konturierter Orchesterklang ist seine Sache jedoch kaum. Zum Vergleich - es führt kein Weg daran vorbei - sei auf Karajans Scala-Produktion aus dem Jahre 1956 verwiesen: hier scheinen die Milanesen um ihr Leben zu spielen, während sie beim heutigen Chef nur ihre gewerkschaftlich abgesicherte Pflicht erfüllen. Das Bild vom recht engagiert auftretenden Chor wiederum wird nur getrübt vom kitschigen Nonnen-Gesang, in den sich seltsam falsche Töne (einer Oboe, eines Zuhörers?) eingeschlichen haben.
Zwiespältig präsentiert sich die Solistenriege. Barbara Frittoli vermag als Leonora mit einem zumindest in der Höhe aufblühenden Sopran einige dramatische Akzente zu setzen, bei Koloraturen zeigt sie jedoch nur Halbherziges. (Nolens volens: Auch hier führt kein Vergleichsweg an jener Karajan-Callas-Aufnahme vorbei). Leo Nucci irritiert zunächst durch Intonationsprobleme, bis er sich - durchaus packend - in die Rolle des rachsüchtigen Grafen einfindet. Violeta Urmana begeistert als Zigeunerin Azucena restlos: derart glutvoll, tief grundiert und gleichzeitig gleißend in oberen Registern vermag derzeit kaum ein zweiter Mezzosopran auf die Opernbühne zu treten.
Und der Titelheld? Salvatore Licitra wird als "neuer Pavarotti" gehandelt. Hier ist der Wunsch, endlich aus der nun schon Jahre andauernden Verdi-Tenor-Misere herauszukommen, Vater des Gedankens. Zweifellos kann der Sizilianer große Häuser füllen, und ebensowenig wie ein voluminöses Mittelregister fehlt es ihm an emphatischem Ausdrucksvermögen. Aber Schönheit? Die Stimme klingt rau und überansprucht, kaum zu Piano-Nuancen fähig. Und seine Höhe? Muti hat seinem neuen Scala-Star untersagt, die allbekannte, famose Arie "Di quella pira" am Schluss des dritten Aktes mit einem hohen C zu beenden. Das nenne ich klug, wenngleich vermutlich aus anderen Gründen als Muti, der diesen Ton nicht in der Partitur vorfand und ihn deshalb verbot. Notentreue hin oder her: Der Vergleich mit jenem "alten" Pavarotti unter Levine, erst recht mit di Stefano unter Karajan wäre für den neuen "Helden" am Tenorhimmel nicht eben vorteilhaft verlaufen.

Christoph Braun, 31.01.2002



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