So temperamentvoll und schauerlich, so gesättigt und präzise, ohne große Gesten, aber mit großem Sinn für Nuancen kann man Verdis "Maskenball" heute nicht mehr hören. Tullio Serafins Dirigat allein schon rechtfertigte die aufwändige und gelungene klangliche Restauration dieser Studioaufnahme aus dem Jahr 1943 von Verdis Drama um Liebe und Verrat, das auf den Mord an Gustav III. von Schweden zurückgeht, doch auf Druck der Zensur von Stockholm nach Boston verlegt werden musste.
Benjamino Gigli, der Tenor-Star nach Caruso, begeistert als Riccardo auch heute noch durch die Dynamik und Flexibilität seiner Stimme. Im Gegensatz zu Jussi Björling aber, der die Rolle in einem Mitschnitt von 1940 an der New Yorker Met an der Seite von Zinka Milanov singt, ist man sich sofort der Historizität von Giglis Stimme bewusst: nicht nur bei den durchaus geschmackvollen, aber unzeitgemäßen Seufzern, sondern auch durch helle Färbung und das starke Vibrato seiner Stimme.
Was Gigli an Innerlichkeit zuviel gibt, fehlt Maria Caniglias Amelia. Sie besticht jedoch durch ihre dramatische Verve. Erstaunlich angesichts unseres heutigen Perfektionismus' ist, dass Serafin ihr die Rolle anvertraut hat, obwohl sie die Spitzentöne nicht erreicht.
Gino Bechi als Renato ist ein Bass, der uns die Vergangenheit herrlich erscheinen lässt: Er hat eine wunderbar zentrierte schwarze Stimme mit ein paar altmodisch wirkenden Manierismen wie kleinen Schluchzern und langen Fermaten. Stimmlich und darstellerisch überzeugend sind weiterhin Fedora Barbieri als Ulrica und Elda Ribetti als Oscar.
Ein umfangreicher Anhang bietet den Vergleich mit Sängern der zwanziger und dreißiger Jahre in Auszügen derselben Oper. Die damals sehr berühmte Sängerin Giannina Arangi-Lombardi hat weniger Probleme mit den hohen Tönen als Maria Caniglia, entfacht dafür aber weniger Dramatik und Intensität. Der beste Sänger innerhalb des Anhangs ist der Bass Riccardo Stracciari. Trotz mancher stimmlicher und stilistischer Unsicherheiten haben die "alten" Sänger alle mehr Kern und Fokus, als es heute üblich ist, jedoch weniger Glanz.

Cornelia Wieschalla, 21.02.2002



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