Wenn man daheim einen gut gefüllten Plattenschrank mit Studioaufnahmen des abendländischen Opernrepertoires hat, neigt man zu sehr kritischer Haltung beim Besuch einer Live-Aufführung: Wie oft gelingt doch das, was der Plattenspieler wieder und wieder gleichermaßen perfekt hervorbringt, auf der Bühne nicht annähernd so gut! Solche Sorgen brauchten die Besucher der Münchner Trovatore-Premiere am 2. Februar 1992 allerdings nicht zu haben, denn was andere Sänger mittels Studioproduktionen verewigen konnten, das hat Julia Varady ihrem Publikum live geschenkt. Kann man die Leonore inbrünstiger, leidenschaftlicher singen als diese einzigartige Sängerin? Sie, die sich leider schon vor geraumer Zeit von der Bühne verabschiedete, verfügt über ein gewaltiges Stimmmaterial, das sie schlichtweg optimal zu führen versteht; die Intensität ihrer Kantilene, die unbeschreibliche Energie ihrer Spitzentöne, die faszinierende Kraft ihres problemlos mit kaum glaublicher Offenheit ansprechenden Brustregisters: All das ist nur schwer zu übertreffen. An ihrer Seite der in der Rolle des Manrico in München debütierende James O’Neill, ein hochbegabter Verdi-Tenor; mit der monumentalen Stefania Toczyska als Azucena liefert er sich im zweiten Teil eine furiose, mitreißend dramatische Duett-Szene. Dazu am Pult der allzu früh verstorbene Giuseppe Sinopoli, der Verdis Partitur ein Höchstmaß an Spannung, Brillanz und Vielschichtigkeit entlockt. Wer diesen Trovatore besitzt, der braucht eigentlich keine andere Aufnahme mehr.

Michael Wersin, 11.10.2003



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