Die reinigende Wirkung von Verdis Requiem kann mit einer Wucht und Schwerblütigkeit angegangen werden, bei der man im Hörsessel ganz klein wird. Oder es gibt eben die von Toscanini eingeforderte, kompromisslose Dramatik, die diametral den Pathos-Weihen eines Bernstein gegenübersteht, der bei Verdi den "American Way of Italian Spirit" entdeckte. Die Katharsis kann sich aber gerade einstellen, wenn man die Totenmesse im Sinne ihrer liturgischen Funktion beim Wort nimmt und sie darüber hinaus auf musikhistorisch abgesichertes Fundament stellt. Genau das ist Nikolaus Harnoncourt gelungen, der nach seiner ersten, erfolgreichen Verdi-Erfrischungskur mit "Aida" nun Verdis Requiem vorlegt, bei dem überdeutlich wird, dass man nur an wenigen, aber wesentlichen Stellschrauben drehen muss, um altgedienten Blickwinkeln zu widersprechen.
Dabei geht es in dem Live-Mitschnitt aus dem Wiener Musikverein weniger um den Austausch der gängigen Tuba gegen eine von Verdi geforderte Ventil-Bassposaune. Harnoncourt dünnt gemäß einer neuen kritischen Partitur-Edition die Opulenz des Chorsatzes aus - da ist das Sänger-Quartett nicht im Dauer-Forte Zuhause, sondern entwickelt über eine facettenreiche Pianissimo-Kultur eine kammermusikalische Brennweite, um nicht zuletzt die opernhafte Überwältigungsbreite vergessen zu machen. Natürlich schlägt auch im "Dies irae" das fulminante Herz am rechten Fleck. Doch es ist nicht einfach effektvoll wild. Harnoncourts Kontrastsetzungen folgen einem "preußischen" Maßhalten, bei dem bislang überspülte Details wie der Einfluss Carl Maria von Webers ("Ingemisco") Konturen bekommen. Und wer denkt beim subtil ausgemessenen, ächzenden und stöhnenden "Lacrymosa" nicht an Mozarts Requiem? Bei aller von den Wiener Philharmonikern durchschlagend umgesetzten Klarheit und Strukturiertheit, die sich im exzellenten Solisten-Quartett dank seiner artikulatorischen Prägnanz fortsetzt, ist es die Tragweite und Größe von Verdis Modernität - die hier ihren wahren Kern in durchdachter und dennoch durchglühter Schlichtheit zeigen kann.

Guido Fischer, 20.08.2005



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