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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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Antonio Vivaldi

Stabat Mater, Nisi Dominus, Motette "Longe mala"

David Daniels, Europa Galante, Fabio Biondi

Virgin/EMI 5 45474 2
(55 Min., 8/2001) 1 CD

Die Art, wie seit einem halben Jahrzehnt die Werke Vivaldis neu entdeckt bzw. entstaubt werden, verblüfft nicht nur die Fans des rotschopfigen venezianischen Priesters. Fabio Biondi und sein Ensemble Europa Galante zählen längst zu den führenden "Staubwedeln". Biondis Entdeckerimpetus wie auch sein Tonfall sind allerdings kein rabiat dreinfahrender und grell auftrumpfender (wie etwa bei den Landsleuten vom Giardino armonico), sondern - eher - duftig pulsierend, fast bescheiden zu nennen.
Bei diesen drei geistlichen Werken für Alt und Streicher hat sich Biondi den Kontratenor David Daniels zum Partner erkoren. Schon äußerlich möchte man beide zu Brüdern erklären, erst recht künstlerisch, passt Daniels' zartes, weiches Timbre doch bestens zum geschmeidig phrasierenden Spielduktus von Europa Galante. Und diese glückliche Verbindung verleiht Vivaldis düsterem "Stabat Mater" und "Nisi-Dominus"-Psalm eine wunderbar tiefsinnige, ja intime Dimension.
In Momenten wie der Anrufung "Eja Mater", wo Biondis Sologeige mit trockenen Staccati Jesu Dornenkrone nachzeichnet und Daniels denkbar kontrastreich legatissimo die Klage Mariens über ihren gekreuzigten Sohn anstimmt, oder beim glaubensfrohen Schlussgesang, der in seinem Sechsachtel-Rhythmus an das sanfte Wiegen venezianischer Gondeln erinnert - da wird einem klar, auf welche geniale Weise Vivaldi hier mit denkbar asketischen Mitteln ein Höchstmaß an Ausdruck geschaffen hat.
Die jedem Opernfuror alle Ehre machende Motette "Longe mala" wartet hingegen mit hochdramatischen Koloraturen auf. Hier vermisst man bei Daniels trotz aller Präzision ein wenig das kernige Volumen und die scharfkantige, forsche Virtuosität eines Andreas Scholl. Aber solche Beckmesserei soll dieser großartigen Produktion keinen Abbruch tun.

Christoph Braun, 17.01.2002



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