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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



Immer wieder staunt man, was sich Antonio Vivaldi im Rahmen der Vivaldi-Edition des Labels Naïve so alles abpressen lässt; nun also "Griselda", ein 1735 in Venedig uraufgeführtes Dramma per musica nach einem Libretto von Goldoni. Anfängliche Spuren von Unlust, die sich u. a. beim Lesen der Synopsis einstellen, weichen schnell, wenn die ersten Minuten der Musik erklungen sind: Nicht nur die Interpretation, sondern auch die musikalische Substanz als solche ist, alles in allem, von mitreißender Schönheit und Brillanz. Der Tenor Stefano Ferrari begeistert als König Gualtiero von Thessalien, der soeben zu Prüfungszwecken seine Frau Griselda verstoßen hat, anlässlich seiner ersten Arie mit endlosen Koloraturen in höllischer Geschwindigkeit; Simone Kermes, die in der Rolle des Ritters Ottone die nun unbemannte Griselda zu verführen trachtet, entfaltet zauberhaften Schmelz in einer überaus zärtlichen Werbearie. Und Philippe Jarrousky als Ritter Roberto, Prinz von Athen und Geliebter jener Costanza, die nun von Gualtiero zum Schein als neue Gemahlin präsentiert wird, aber eigentlich seine und Griseldas Tochter ist, was kaum einer weiß (meine Güte!); dieser Philippe Jarrousky also versteht mit seiner hellen, biegsamen Counterstimme durchweg zu faszinieren. Einzig Verónica Cangemi in der Titelpartie der schwer geprüften Königin schäferlicher Herkunft bleibt mit ihrer immer verborgen oder offen unruhigen, unter größerer Belastung beinahe furienhaften Art des Singens, so meint der Autor, etwas untypisch für den Charakter, den sie zu verkörpern hat. Eine kleine Einschränkung nur vor dem Hintergrund der ansonsten durchgehend geglückten Leistung. Man wartet hier nicht einmal permanent auf das nächste Arienereignis, weil auch die ausgedehnten Rezitative mit den reichen Mitteln der historisierenden Aufführungspraxis äußerst plastische und kurzweilige Durchgestaltung erfahren: Eine großes Lob an das Ensemble Matheus und Leitung von Jean-Christophe Spinosi. Und am Ende lässt man sich durch den Beihefttext auch noch überzeugen, dass selbst die Handlung in der hier vorliegenden Version aus kulturhistorischer Sicht revolutionäre Züge trägt ...

Michael Wersin, 27.10.2006



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