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Ralph Vaughan Williams

Sinfonie Nr. 2 ("A London Symphony"), Tallis-Fantasia, A Serenade To Music

London Philharmonic Orchestra, Roger Norrington u.a.

Decca 467 047-2
(76 Min., 1996 - 1997) 1 CD

Die ersten Folgen von Roger Norringtons Vaughan-Williams-Zyklus, etwa die Sinfonien Nrn. 3 und 5, vermochten mich wenig zu begeistern (siehe Rezension). Umso erfreulicher, dass seine Einspielung von Vaughan Williams' populärster Sinfonie, der "Londoner", wesentlich überzeugender geraten ist. Norrington erfreut sich offenkundig an der Farben- und Stimmungsvielfalt dieses sinfonischen Städteporträts und findet eine Vielfalt von Zwischentönen, die seinen früheren Vaughan-Williams-Interpretationen fehlten. Auch hetzt er nicht wie sonst bei ihm üblich im Eiltempo durch das Werk, seine Einspielung ist länger als die klassische Boult-Aufnahme (EMI).
Eine kleine Einschränkung gibt es dennoch: Norrington scheint die Sinfonie in erster Linie als buntes London-Bilderbuch zu verstehen, als Kaleidoskop der Impressionen. Wenn jedoch musikalisch tiefere Dimensionen betreten werden, so im langsamen Epilog der Sinfonie, findet Norrington nicht die Ruhe und Versenkung, die notwendig sind, um Vaughan Williams' tiefen Humanismus, der in diesen Momenten zum Tragen kommt, spürbar zu machen. Barbirolli und Haitink (EMI) sind hier unübertroffen. Dafür ist Norringtons Aufnahme klanglich nicht zu übertreffen – eine dynamischere "London-Sinfonie" kenne ich nicht.
Die für Norrington typische Ungeduld prägt auch seine Interpretation der herrlichen "Tallis-Fantasia" für Streicher. Dadurch gewinnt er dem Stück jedoch interessante, wenn auch äußerst ungewohnte Fassetten ab. Wird es meist als friedvolle und abgeklärte Meditation im frommen Kirchen-Ton interpretiert, so fördern Norringtons drängende Tempi besonders in den Höhepunkten eine Leidenschaft zutage, die durchaus in der Komposition angelegt ist, aber nur selten realisiert wird – außer natürlich von Barbirolli (EMI), zu dessen Modellinterpretation Norrington eine etwas exzentrische, aber wertvolle Ergänzung ist.

Thomas Schulz, 17.08.2000



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