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Ralph Vaughan Williams

Sinfonien Nr. 8 u. 9

London Philharmonic Orchestra, Bernard Haitink

EMI 5 57086 2
(67 Min., 4/2000) 1 CD

Vaughan Williams war über achtzig Jahre alt, als er seine beiden letzten Sinfonien fertig stellte, und es ist dieser Umstand, der Haitinks Interpretationen in erster Linie zu prägen scheint. Haitink, stets ein Musiker des langen, ruhigen Flusses, dirigiert die Stücke konsequent als Werke des Abschieds, verklärt, gemessen, voll innerer Ruhe. Damit wird er vor allem der Neunten gerecht, einer gleichermaßen geheimnisvollen wie visionären Partitur, die tatsächlich eine Tür in unbekannte Bezirke aufzustoßen scheint. Das Finale dieser Sinfonie, von Haitink mit viel Geduld und Liebe zum Detail ausgebreitet, ist wohl selten so majestätisch, würdevoll und gleichzeitig schlüssig erklungen wie hier.
Die Musik hat jedoch auch andere Fassetten: Das Scherzo etwa, mit drei quasi konzertierenden Saxofonen, ist wohl der frechste, sarkastischste Sinfoniesatz, den Vaughan Williams je schrieb, und diese Dimension kommt bei Haitink überhaupt nicht zum Tragen. Man vergleiche seine gesittete Lesart mit der Interpretation Slatkins (RCA), um zu verstehen, was in diesem Satz steckt!
Das gilt in verstärktem Maße für die kurze, verspielte Achte. Auch hier gilt: In den ruhigen Passagen, also im ersten und dritten Satz, gelingt es Haitink zu überzeugen. Mit dem bissigen Bläserscherzo und vor allem der übermütigen Final-Toccata mit ihren Kaskaden von Glocken-, Gong- und Vibrafonklängen vermag der Dirigent jedoch nur wenig anzufangen. Haitinks biedere, schwerfällig schleppende Interpretation dieses farbensprühenden Kabinettstücks markiert den enttäuschenden Tiefpunkt seines Vaughan-Williams-Zyklus', der vor allem mit der Dritten (siehe Rezension), Sechsten und Siebten Sinfonie einige echte Sternstunden zu bieten hat.
Andererseits: Auch diese neuen Einspielungen stehen auf sehr hohem orchestralen Niveau, und da Slatkins Interpretation der Achten und Neunten Sinfonie momentan nur im Rahmen einer Box mit allen neun Sinfonien gekauft werden kann und Barbirollis konkurrenzlose Aufnahme der Achten ebenso wenig erhältlich ist wie der Vaughan-Williams-Zyklus von Vernon Handley, gilt hier das Motto: Besser der Spatz in der Hand ...

Thomas Schulz, 22.03.2001



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